
Blogger und Social Software-Experte Helge Fahrnberger im Interview mit dem Medienjournal über die Anforderungen an Onlinejournalisten, Live-Blogging, Multimedia und die Zukunft des Bürgerjournalismus.
Medienjounal: Sie halten am Publizistik-Institut der Universität Wien eine Übung, bei der es vor allem um Onlinejournalismus und den damit verbundenen Dialog geht. Was muss ein Journalist in diesem Zusammenhang beachten?
Fahrnberger: In der Übung geht es vorwiegend darum, den Studierenden die Unterschiede zu klassischem Journalismus näher zu bringen. Der Dialog ist dabei ein sehr wesentlicher Unterschied. Das heißt, einen Rückkanal nutzbar zu machen. Anerkannte Onlinemedien in Österreich machen das relativ wenig bis gar nicht. Der Grund dafür ist, dass sie alle Print-sozialisiert sind. Ein Journalist auf derstandard.at kommt beispielsweise aus der Zeitungsecke. Die Leute, die das Redaktionssystem und die sonstigen Gegebenheiten konzipiert haben, kommen ebenfalls aus der Printecke und dort gibt es kaum einen Rückkanal, außer den relativ unsäglichen Leserbriefen. Tatsächlich ist es aber so, dass – unter Berücksichtigung bestimmter Voraussetzungen – die Leser zu einer wertvollen Leseerfahrung eines Artikels gemacht werden können. In diesem Fall ist es nicht der Journalist, der die gesamte Story wunderbar aufbereitet und die anderen können dann einen Kommentar dazu schreiben oder „gefällt mir“ anklicken. Der Artikel bildet nur den ersten Teil des Leseerlebnisses. Er entspricht einer Frage oder These. Er wird anschließend kommentiert oder erweitert. Die Leser eines solchen Artikels empfinden die Kommentare und zusätzliche Informationen als Bereicherung.
Medienjournal: Der Dialog ist also ein signifikanter Unterschied zu den klassischen Medien. Welche Unterschiede gibt es noch?
Fahrnberger: Ein weiterer wesentlicher Unterschied liegt für mich im Hypertext. Hypertext ist wahrscheinlich die meistunterschätzte Technologie, die das Internet mit sich gebracht hat. Es handelt sich um das Verlinken von Quellen, von weiterführenden Artikeln, von multimedialen Quellen, von Videos etc., und nicht um eine reine Textwüste. Diese Möglichkeit wird leider noch sehr zaghaft eingesetzt und das führt dazu, dass die meisten Onlinemedien überwiegend auf die Personen oder Institutionen über die sie schreiben verlinken. Vermeintlichen Konkurrenten, die das Thema aus einem anderen Blickwinkel betrachten, werden ausgespart. Überdies wird selten zu den eigentlichen Quellen der Geschichte verlinkt. Dadurch würde man dem Leser aber die Möglichkeit geben, selbst in die Geschichte einzusteigen und sich genauer zu informieren. Ein Unterschied zu klassischen Medien ist auch die Multimedialität, das heißt die Einbindung von Ton und Bewegtbild.
Medienjournal: Wie werden die Inhalte der Lehrveranstaltung wie Auffindbarkeit durch Hypertext, Umgang mit Quellen, Umgang mit Multimedia oder Live-Blogging den Studierenden vermittelt.
Fahrnberger: Im Wesentlichen funktioniert die Lehrveranstaltung als Lehrredaktion. Wir schreiben gemeinsam den Medien-Watchblog Kobuk.at. Jeder Lehrveranstaltungsteilnehmer muss mindestens zwei Beiträge pro Woche verfassen, wobei nicht jeder online geht. Die Beiträge werden von einem Editoren-Team quergelesen und editiert, sprich auch verbessert. Die Besten darunter werden veröffentlicht. Ziel ist es, informative, kritische und unterhaltsame Leseerfahrung zu bieten. Damit wir im Zuge der Lehrveranstaltung bereits Publikum haben, mit dem wir in Dialog treten und interagieren können, haben wir das Projekt schon einige Monate zuvor mit Gastautoren begonnen. Wir haben also bereits ein Publikum, das kritisches Feedback liefert und Hinweise auf Medienkritik-Themen gibt.
Medienjournal: Zum Thema Live-Blogging: Was ist hier zu beachten?
Fahrnberger: Ich glaube Live-Blogging ist eine besonders schwierige Disziplin, vor allem weil man sich zum Teil von schriftlich-ästhetischen Standpunkten verabschieden muss. Es muss alles sehr schnell gehen. Der Leser muss das Gefühl haben bei der Veranstaltung selbst ein Stück weit dabei zu sein. Das heißt, es wird in Echtzeit von der Entwicklung einer Veranstaltung, sei es einer Pressekonferenz oder eines Fußballspiels, berichtet. Die Schwierigkeit liegt darin, nicht am eigenen Perfektionismus zu scheitern; nicht den ganzen Verlauf zu dokumentieren und trotzdem ein informatives, spannendes Leseerlebnis zu liefern. Der Leser muss dran bleiben.
Medienjournal: Auf Ihrer Website haben Sie die Ergebnisse von Digital Affairs veröffentlicht. Der Österreichische Medienverband zählt gemäß Digital Affairs zu den Top 100 Accounts in Österreich, obgleich wir Twitter kaum nützen. Ist Twitter demnach in Österreich kein Thema?
Fahrnberger: Twitter wird in Österreich von vielleicht 20.000 Menschen aktiv genutzt – das ist sehr wenig. Im Vergleich dazu hat Facebook zwei Millionen aktive User in Österreich. Deshalb ist es derzeit nicht sehr schwierig in die Top 100 zu kommen. Trotzdem ist es so, dass Twitter ein sehr gutes Instrument dafür ist, die richtigen Leute zu informieren. Außerdem eignet es sich hervorragend, um zu mobilisieren und Agenda-Setting zu betreiben. Es handelt sich hierbei nicht um eine beliebige Auswahl von 20.000 Österreichern, sondern auf Twitter sind sehr viele Multiplikatoren zu finden. Das bedeutet, es ist eigentlich egal, ob man 500 oder 1.000 Menschen auf Twitter erreicht, wenn der Richtige dabei ist – die Person, die für den PR-Zweck gebraucht wird.
Ein gutes Beispiel ist „Uni brennt“, die Studentenproteste in Österreich vom letzten Herbst. Diese wurden über Facebook, Wikis und Livestream organisiert, aber vor allem auch über Twitter. Über dieses Medium wurden Leute aus der Zivilgesellschaft jenseits der 30 oder 35, Journalisten usw., in die Bewegung involviert. Das hat damals sehr gut funktioniert.
Zudem eignet sich Twitter ausgezeichnet dafür, bei sozialen Bewegungen wie UniBrennt am Laufenden zu bleiben. Hierfür gibt es derzeit noch kein vergleichbares Instrument.
Medienjournal: Warum schreiben Sie einen Blog?
Fahrnberger: Mein Blog ist fast zufällig entstanden. Ich habe manchmal das Gefühl, einen Artikel über ein bestimmtes Thema schreiben zu wollen, und dafür ist ein Blog wunderbar geeignet. Das sind berufliche oder private Stories und zum Teil auch Themen, die mich als Konsument interessieren. Irgendwann hat der Blog eine Reichweite bekommen, die ihn zu meinem persönlichen Onlinemedium gemacht hat. Heute ist mein Blog auch eine wichtige Methode, um Themen so einzusetzen, dass sie eine positive Wirkung auf mein berufliches Feld haben. Er ist inzwischen auch so etwa wie eine Marketing-Methode.
Medienjournal: Wie sehen Sie die Zukunft des Bürgerjournalismus?
Fahrnberger: Ich denke das Wort Bürgerjournalismus gibt es nur deshalb, weil es früher sehr schwierig war zu publizieren. Es war in erster Linie Geld notwendig, um einen Text zu verbreiten sowie eine Art Öffentlichkeit. Durch die Digitalisierung und die Verschriftlichung von Mundpropaganda fällt diese Notwendigkeit weg. Wir sprechen heute von Bürgerjournalismus, weil es so etwas früher nicht gab. In einigen Jahren wird der Begriff so verschwommen sein, dass man lediglich davon reden wird, ob jemand hauptberuflich, nebenberuflich, unbezahlt, ehrenamtlich oder sonst wie publiziert. Die Unterscheidung zwischen Journalisten und Normalbürgern ist dahingehend ein Blick in die Vergangenheit. Jeder Facebook-Nutzer ist jemand der publiziert, in dem Fall für das eigene soziale Umfeld. Zwischen dem Trivialupdate auf Facebook und der 16-seitigen Spiegelreportage besteht eine große aber übergangslose Spanne an Möglichkeiten.
Medienjournal: Sie schreiben unter Creative Commons . Wo fängt für Sie bei NGOs die Kommerzialität an?
Fahrnberger: Grundsätzlich publiziere ich meine Texte unter Creative Commons noncommercial. Das ist aber nicht ganz unproblematisch, weil die Abgrenzung hier sehr schwierig ist. Es heißt nicht, dass ich kommerzielle Verwendung und Verwertung meiner Inhalte ausschließe, sondern, dass man mich vorher fragen muss. Bei der digitalen Verwendung ist ein Vorteil, dass ich mitbekomme, wenn man auf mich verlinkt. Dann habe ich die Möglichkeit einzulenken. NGOs sind hier ein Grenzfall, also rate ich beim Autor anzufragen.
Medienjournal: Was zeichnet für Sie ein multimediales Medium aus?
Fahrnberger: Es geht weniger darum, die Möglichkeiten von Multimedia voll auszuschöpfen, als vielmehr, den Kunden nicht für dumm zu verkaufen. Ihm muss die Möglichkeit offenstehen, Inhalte zu überprüfen, eine Meinung abzugeben und Inhalte zu produzieren – digitale Fähigkeiten zu nutzen. Die sinnvolle Verwendung von Multimedia hängt hingegen vom Kontext – der Nische und dem Thema – ab.
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Foto: by Daniel Gebhart
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