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8. März, 2010 | martin.aschauer

Seit der Auflösung des Presserats im Jahr 2002 waren zumindest Österreichs Printmedien „außer Kontrolle“.  Sieben Jahre danach, sieht sich der vom Österreichischen Journalistenclub (ÖJC) initiierte Medienrat als neues Selbstkontrollorgan der Österreichischen Medienbranche. Als unabhängiger Teil des ÖJC soll der Medienrat Missstände im Bereich der journalistischen Tätigkeit untersuchen.  Albert Malli, Vorsitzender des Österreichischen Medienrats, sprach im Interview mit dem Medienjournal über Berufsethik, die fehlende Bekanntheit des Rates, journalistische Fehltritte und Ziele für 2010.

Medienjournal: Der Österreichische Medienrat ist immer wieder starker Kritik ausgesetzt. Der Vorsitzende der Journalistengewerkschaft meint „Initiativen für sauberen Journalismus hat es schon viele gegeben und keine hat sich durchgesetzt“, ein Vertreter der VÖZ bezweifelt „dass das Organ die breite Akzeptanz der Branche erlangen wird – genauso wenig wie dem Vorgängermodell“. Was sagen Sie dazu?

Malli: Der Medienrat hat sich gerade erst gegründet. Ob sich etwas durchsetzt oder nicht und ob der Medienrat als Kontrollinstanz angenommen wird, können wir erst nach einiger Zeit sagen. Der Österreichische Journalistenclub (ÖJC) hat sehr viele MitgliederInnen, die MitinitiatorInnen des Medienrates waren und diesen befürworten. Der Presserat kommt ja nicht mehr auf die Beine. Außerdem meine ich, dass wir in der heutigen Zeit medienübergreifend denken müssen und uns nicht auf ein Medium alleine konzentrieren können. Medienmarken, wie Ö3, sind ja nicht nur als Radio präsent, sondern medienübergreifend auch im Internet, sogar in Social-Networks wie Facebook. Daher muss sich auch der Medienrat für alle Medien verantwortlich fühlen und die journalistische Arbeit medienübergreifend beurteilen. Deshalb braucht es einen Medienrat. Aufgrund dessen war es dem Medienrat auch ein Anliegen, RepräsentantInnen aus allen Mediengattungen zu finden, aber auch die Universität mit ein zu beziehen. Wir sind bereit weitere MitgliederInnen aufzunehmen. Noch haben wir keine Vertretung aus dem Sektor Print dabei.

Sehr stolz bin ich aber, dass der Medienrat ein Gremium ist, in dem Privatradio und das öffentlich-rechtliche Radio zusammensitzen – der Medienbeobachter weiß, dass das Privatradio oft sehr pointiert gegen das öffentlich-rechtliche vorgegangen ist.

Medienjournal: Der Weblog zum Österreichischen und Europäischen Recht der elektronischen Kommunikationsgesetze verschärft die Kritik noch mit folgender Äußerung: „Der mit dem ordentlichen Selbstbewusstsein ausgestattete Medienrat hat außer einer Gründungskonferenz auch noch keine wahrnehmbare Tätigkeit entfalten können.“

Malli: Ich wünsche mir natürlich nicht, dass der Medienrat 2010 öfter in Erscheinung tritt. Das hieße nämlich, ich wünschte mir heftige Verstöße in den Medien und die wünsche ich mir keinesfalls. Somit könnte man auch sagen, es ist gut, wenn er nicht zusammentreten muss. Ich gestehe aber gerne ein, dass seine Bekanntheit noch nicht groß genug ist. Wir werden in nächster Zukunft auch darüber beraten, wie weit wir selbst Initiative ergreifen müssen. Da wird sich vielleicht der eine oder andere Fall zeigen, der so schwerwiegend ist, dass wir von uns aus tätig werden. Der Medienrat besteht jedoch ausschließlich aus Ehrenamtlichen, was die Sache erschwert.

Medienjournal: Was guten oder schlechten Journalismus auszeichnet ist ja relativ subjektiv. Nach welchen Kriterien entscheidet der Medienrat bzw. will er in Zukunft entscheiden?

Malli: Die VertreterInnen, die im Medienrat sitzen, stehen von sich aus für eine Ethik im Journalismus. Ich gebe zu, Fragen der Ethik sind schwieriger zu beantworten als der Mathematik. Hier ist Eins und Eins nicht gleich Zwei. Deshalb müssen wir im Medienrat gemeinsam zu einer Entscheidung kommen. Ich denke, dass uns das in der jetzigen Konstellation – der Journalist vom Privatradio, der vom Öffentlich-Rechtlichen, der Jurist, die Expertin aus der Lehre – gelingen wird. Wir sind nicht gegen Boulevardjournalismus, aber Journalismus darf nie die Menschenwürde des Einzelnen verletzen und das Objekt, über das er berichtet, nicht nachhaltig schädigen.

Medienjournal: Gemeinsam heißt einstimmig?

Malli: Das hängt dann von den Statuten ab, die wir uns geben. Wir haben mit dem Verfassungsrechtler Mayer einen Top-Juristen an Bord, der uns helfen wird, solche Entscheidungen zu treffen. Wahrscheinlich muss es nicht einstimmig sein, aber es wird eine vernünftige Mehrheitsfindung geben müssen.

Medienjournal: Welche Maßstäbe setzt ihr bei den Bürgerjournalismus-Medien an, wie zum Beispiel den Freien Radios, von denen es immerhin 13 gibt.

Malli: Ich glaube, man muss dann für alle Medien die gleichen Maßstäbe setzen. Nur weil das Medium kleiner ist, müssen trotzdem gewisse Grundregeln des Journalismus beachtet werden. Man könnte natürlich einwenden dass diese eine kleinere Reichweite haben und damit weniger gefährlich werden können und weniger anrichten. Ich finde aber nicht, dass für ein reichweitenschwaches Medium andere Regeln gelten sollen als für ein reichweitenstarkes.

Medienjournal: Wir haben da eher an den partizipativen und subkulturellen Zugang, den diese Bürgermedien bieten, gedacht. Folglich können sie manchmal anders agieren.

Malli: Wenn das Publikum selbst veröffentlicht, macht das die Sache umso schwieriger, der Meinung bin ich auch. Ich glaube aber trotzdem, dass ein Mindestmaß der Kontrolle über die Seite gegeben sein muss. Man kann nicht sagen, dass dort in der Anonymität gepostet wurde, und daher darf  alles auf der Seite stehen.

Medienjournal: Wie kann die Medienbeobachtung bei Online-Medien funktionieren? Gehen wir einmal von der These aus, dass Freie Medien wie FM5, Subtext, Chilli usw. nicht speziell von den Medienrat-VertreterInnen gelesen werden.

Malli: Das stimmt. Der kleine Medienrat kann nicht alle Medien screenen, durchlesen und kontrollieren. Das wird sicher nicht passieren. Ich denke, es muss ein Fall sehr augenscheinlich sein, damit wir von uns aus tätig werden.

Medienjournal: Man hat vor allem im Boulevardjournalismus gesehen, zum Beispiel beim Fall Fritzl, dass der Erstverstoß in England stattfand und nicht in Österreich. Ob das die Sache besser macht, sei dahingestellt. Kann man sagen, dass Österreich diesbezüglich journalistisch weiter ist?

Malli: In diesem Fall fand ich eine Entscheidung, ob es sich um einen Verstoß handelt oder nicht, sehr schwierig. Ich finde es aber scheinheilig, britische Medien zu zitieren – sich somit auf die Rolle des Zitierenden zurückzuziehen – und gleichzeitig dieselben Fotos zu veröffentlichen. Dass zu einem österreichischen Fall britische Medien zitiert werden, haben wir im letzten Jahr zum ersten Mal erlebt. Das ist eine völlig neue Mechanik, die schwierig zu beurteilen ist. In der Rolle des Zitierenden ist man ebenfalls jemand, der intime Details preisgibt. Es ist fragwürdig, wie weit das zulässig ist und wie weit hier der Opferschutz noch gegeben ist.

Medienjournal: Aber würden Sie es generell bejahen, dass es in Österreich, im Vergleich zu anderen Ländern wie England, weniger journalistische Fehltritte gibt?

Malli: Ich befürchte, dass es bei uns auch einige Fehltritte gibt, auch sehr ärgerliche. Namen werden zu früh ausgeschrieben, sie werden falsch geschrieben. Es wird unnötigerweise über intime Details berichtet, obwohl gar kein öffentliches Interesse besteht – nur um einige Beispiele zu nennen.

Medienjournal: Was steht eigentlich organisatorisch beim Medienrat im Jahr 2010 auf der Tagesordnung?

Malli: Die Suche nach weiteren Mitgliedern. Dass der Medienrat im ersten halben Jahr seines Bestehens nicht angerufen wurde heißt auch, dass wir von uns aus die Initiative ergreifen müssen und die Medien noch aktiver beobachten müssen, um womöglich einen Fall selbst aufzugreifen. Wir sind für jeden Hinweis dankbar. Das heißt aber nicht, dass wir einen Fall nur aufgreifen um Bekanntheit zu erreichen.

Medienjournal: Wie sehen die Konsequenzen der negativen Beurteilung eines Falles von Seiten des Medienrats aus?

Malli: Ich denke, die Mitglieder des Medienrats sind sich darüber bewusst, dass es keine echten Sanktionsmöglichkeiten geben kann. Ich glaube aber, dass es in unserem Land schon eine große Sanktion ist, oder zumindest als solche empfunden wird, wenn Entscheidungen des Medienrats  veröffentlicht werden. Ich glaube daran, dass die Medienlandschaft so strukturiert ist, dass eine solche Entscheidung sehr wohl veröffentlicht wird und sogar sehr großen Widerhall finden würde, da allgemein für Medienthemen großes Interesse besteht. Und ich rechne damit, dass unsere Entscheidungen groß diskutiert werden, vielleicht auch kritisiert. Wichtig ist, dass daraus eine Debatte entsteht.

Zudem würde ich mir wünschen, dass Kritik ernst genommen und Fehler offen zugegeben werden. Ich finde, gerade im Journalismus dürfen Fehler passieren. Unser Geschäft ist ein schnelllebiges – wir müssen Entscheidungen in Sekundenschnelle treffen, sonst ist die Geschichte schon wieder alt.  Als ich meine ersten Fehler gemacht habe – und ich hab auch einiges falsch gemacht – hat mein Chef zu mir tröstlich gesagt: „Wo gehobelt wird, da fallen nun einmal Späne“. Wir sollten uns vom Glauben an den Perfektionismus verabschieden. Kann es nicht auch eine Kultur im Journalismus geben, wo selbst Chefredakteure von ihren hohen Rössern herunter steigen und sich ihre Fehler eingestehen? Als Reaktion auf eine Entscheidung des Medienrats zu sagen: „Danke für den Hinweis, wir finden diesen Input wertvoll und werden in dem Punkt künftig anders handeln“. Dann haben wir schon etwas zu einem besseren Journalismus in Österreich beigetragen.

Medienjournal: Wir unterstellen jetzt einmal, dass die Gründung des Medienrats auch damit zu tun hatte, dass die Verschärfung der Journalisten-Gesetze im Raum stand. Wie stehen Sie dazu?

Malli: Es kann nicht sein, dass journalistische Arbeit kriminalisiert wird. Und es kann auch nicht sein, dass sie behindert wird. Dafür müssen wir JournalistInnen gemeinsam kämpfen.

Medienjournal: Ist es sinnvoll in Österreich mehrere Kontrollorgane zu haben, die unabhängig voneinander agieren? Zum Beispiel Presserat und Medienrat…

Malli: Die Sehnsucht nach Einheitlichkeit in Ehren – mir ist es lieber, es gibt einen Presserat und einen Medienrat anstatt keiner Instanz. Wir erheben keinen Alleinherrschaftsanspruch. Wir glauben aber, dass eine Kontrollinstanz alle Medien mit einschließen muss. Der Verstoß könnte ja darin liegen, dass wir ein verwerfliches Posting zugelassen haben und die Story an sich in Ordnung war. Bei Ö3 screenen wir regelmäßig die Facebook-Fanpage. Das Schöne ist, dass dort, wo die User mit Namen und Adresse bekannt sind wie bei Facebook, eigentlich keine verletzenden Postings gesetzt werden, auch wenn es sich um Kritik am Programm handelt.

Medienverband: Eine letzte Frage noch. Es sind ja bis jetzt noch keine Beschwerden eingegangen, kann das an der 700 Euro-Gebühr liegen?

Malli: Diese 700 Euro waren ursprünglich als eine Art Querulanten-Hemmschwelle gedacht. Dem Medienrat steht es aber frei, wenn er den Fall beurteilt, diese Gebühr zu erlassen. Aber es könnte durchaus sinnvoll sein, diese Gebühr zu senken um öfter angerufen zu werden. Eine solche Entscheidung ist nicht ausgeschlossen.

Links:

Österreichischer Medienrat


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