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8. März, 2010 | martin.aschauer


Fred Turnheim, der Präsident des Österreichischen Journalistenclubs (ÖJC), über die Gründe, warum Österreichs Medienförderungsstruktur Schwachsinn ist, warum wir nicht auf die Herausforderungen der nächsten Jahre vorbereitet sind und die damit verbundene hilflose Auslieferung des Medienstandorts Österreich riskiere.

Warum es vollkommen daneben ist, dass Bundesländer Teile der GIS-Gebühren entnehmen und warum junge Medienmacher sich heute genauer überlegen müssen, ob Journalismus das richtige Berufsfeld für sie ist. Ein Gespräch über die Zukunft des Journalismus und der Medienbranche als solche.

Medienjournal: Herr Turnheim, Sie sind seit 1988 Geschäftsführer und seit 1990 Präsident des  Österreichischen Journalistenclubs. Sie haben das Buch „Breaking News im Web2.0 – wozu wir Journalisten brauchen“ herausgegeben und gelten als Kenner der Journalismusbranche. Wie hat sich die Rolle des „Journalisten“ in den letzten 20 Jahren gewandelt?

Turnheim: Grundlegend. Als ich Anfang der 70er-Jahre begonnen habe als Journalist zu arbeiten war Journalismus ein Traumberuf. Ein Beruf der garantierte, viel Geld zu verdienen und dabei hohes Ansehen in der Bevölkerung genoss. Das hat sich total geändert. Journalismus ist ein Beruf geworden der unsicher ist und bei dem ein junger Mensch wirklich überlegen muss diesen Beruf auszuüben. Denn heute bringt er wenig Geld ein aber viel Arbeit mit sich. Das Ansehen des Journalismus ist in der Bevölkerung zudem stark gesunken, was vielleicht damit zu tun hat, dass die JournalistInnen die Überbringer der schlechten Nachrichten sind.
Verstärkt wird das Ganze durch die Problematik des Medienumbruchs. Hatten die Verlage in den 70er-Jahren noch viel Geld um auch Experimente zu machen, haben diese derzeit nicht die monetären Grundlagen – oder zumindest geben sie vor, kein Geld zu haben – für Experimente. Das erschwert die Entwicklung der Neuen Medien in Österreich, für die es nicht einmal eine Medienförderung gibt. Wir verwenden die Presseförderung im „Gießkannenprinzip“ für teilweise „ reiche Zeitungen“,  aber nicht um Innovationsförderungen zu betreiben. Frankreich, das in den letzten Tagen erst mit der Förderung von 30 Millionen Euro für die Neuen Medien aktiv wurde, zeigt, dass man die Presseförderung auch anders verwenden kann als in Österreich. Das bringt mit sich, dass der österreichische Markt in Wirklichkeit für große Entwicklungen, die in den nächsten zehn bis 15 Jahren auf uns zukommen, nicht vorbereitet ist. Das ist bedauernswert, waren wir doch im Internet Mitte der 90er Jahre ein Vorreiter gegenüber Deutschland. Viele Internetinnovationen geschahen in Österreich nicht in Deutschland. Wenn wir uns das heute ansehen passiert ein Großteil, oder gar alle der Innovationen im deutschsprachigen Raum – in Deutschland und nicht mehr in Österreich. Wir haben in diesem Bereich die Führung  im deutschsprachigen Raum verloren.

Medienjournal: Verfolgen wir die Diskussionen in der österreichischen Medienlandschaft vom letzten Jahr, vom „Scheiss Internet-Sager“ des ehemaligen ORF-Programmchefs Wolfgang Lorenz, bis hin zum „Streitgesprächcharakter“ einnehmenden Diskurses des Falterchef Armin Thurnher versus Martin Blumenau, hat die Internetdiskussion in der Besetzung des Audimax sein scheinbares Ende gefunden. Wie hat das Internet die Rolle des Journalismus geändert?

Turnheim: Ich glaube grundlegend und zwar nach folgendem Richtwert: Als ich als Journalist begonnen habe, gab es als Quelle die Eigenrecherche und die Nachrichtenagentur. Mehr gab es damals nicht. Heute wissen wir, dass wir gerade aus Kriegs- und Krisengebiete über Blogs oder über das viel geschmähte Facebook, den sozialen Netzwerken als solche, viel mehr Informationen beziehen können als von den Nachrichtenagenturen. Das einzige was wir nicht wissen ist, unter welchen Bedingungen diese Nachrichten entstehen und wie wahr sie sind. Das finde ich heute bei Blogs sehr schwierig, denn ich kann den Inhalt der Quelle nicht so einfach verifizieren.  Der Wahrheitsgehalt von Informationen ist einerseits zurückgegangen, andererseits gibt es heute mehr Informationen und es erfolgt eine Demokratisierung der Informationen.

Medienjournal: In welche Richtung werden sich die Medien in den nächsten zehn bis 20 Jahren entwickeln?

Turnheim: Meines Erachtens werden sich diese verstärkt in Richtung Bürgermedien und weniger in Richtung der klassischen Medien Zeitung/Rundfunk/TV bewegen. Bürgermedien werden eine immer größere Bedeutung bekommen. Der Wahrheitsgehalt der Information wird sinken, weil in den Bürgermedien ein höheres Eigeninteresse vorherrscht und sie an kein strenges Redaktionsstatut gebunden sind. Sie werden jener Ort sein, an dem BürgerInnen verstärkt ihre Meinung kundtun. Dies führt dazu, dass es eine Gruppe geben muss, nennen wir die mal JournalistInnen, die diese Meinungen und Informationen filtern und in die Sprache der  großen Medien übersetzen. Ich glaube, dass sich der Journalismus total verändern wird.

Medienjournal: Werden die österreichischen Förderungen somit genau für das Gegenteil verwendet?

Turnheim: Das ist eine Uralt-Kritik von mir, seitdem ich medienpolitisch tätig bin – und das bin ich seit Ende der 70er-Jahre, als ich Vizepräsident der Journalistengewerkschaft war. Seit damals sage ich, dass die Förderungen im Gießkannenprinzip, wie wir sie verwenden, ein völliger Schwachsinn sind – und ich stehe zu diesem brutalen Wort Schwachsinn. Ich verstehe völlig, dass der Herr Dichand das Geld nimmt, wenn man es ihm gibt, aber ich sehe nicht ein, dass er es bekommt. Ich  denke mir, wenn die Zeitung schon Gewinn macht, dann sind die Arbeitsplätze gesichert, dann ist der Weiterbestand der Zeitung gesichert. Da geht es nicht um die Qualität, das ist ein anderes Kapitel, das hat damit nichts zu tun. Ich glaube, wir müssen zu einer Innovationsförderung hinkommen. Denn dann, so meine ich, werden die Verlage und Medien neue innovative Wege gehen. Wir MÜSSEN diese Wege beschreiten. Wir sind ein kleines Land in einem weltweiten Verbund.

Ein Bespiel: Schätzen Sie, wieviele Lobbyisten der Bertelsmannkonzern in Brüssel hat? Über 120! Wissen Sie, wie viele Lobbyisten die öffentlich rechtlichen Medien in Brüssel haben? Eine Frau. Nur eine Vertreterin für die öffentlich-rechtlichen. Das ist der Grund, warum der Journalistenclub so massiv in Brüssel auftritt. Weil das Urheberrecht nur noch auf europäischer Ebene zu klären ist, wenn nicht sogar nur international. Früher war die Medienlandschaft sehr stark auf ein Land bezogen. Die ÖsterreicherInnen haben die österreichischen Medien, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, konsumiert. Heute können wir  mehr deutsche Programme empfangen als österreichische. Der Prozess, wie ich Medien empfange, oder auch wie ich die Inhalte der Medien verarbeite, hat sich über die Jahre vollkommen verändert. Ich halte daher nichts von einer nationalen Gesetzgebung in diesem Bereich.  Ich wehre mich gegen den Eingriff in die Pressefreiheit unter dem Mantel des 11. Septembers 2001.

Medienjournal: Gemäß der Übersicht der RTR bekommt die Raiffeisenzeitung 79.464, 90 Euro Förderung, gemäß eines Dokuments des Wiener Grünen Clubs werden die Wiener GIS-Gebühren auch dafür verwendet, den so genannten  „Kulturschilling“ zu finanzieren, der direkt an die Stadt Wien und damit insbesondere für die Altstadtsanierung herangezogen wird. Was sagen Sie als Präsident des ÖJC dazu?

Nicht nur in Wien muss man dazu sagen, das gilt für alle Bundesländer. Den Kulturschilling nimmt jedes Bundesland über die ORF-Gebühren ein und laut ORF sind diese Gebühren ja mehr als reine Rundfunkgebühren. Ich halte das jedoch für grundlegend falsch und für unehrlich. Man müsse der Bevölkerung sagen, wenn man sich einen öffentlich rechtlichen Rundfunk leisteten möchte, dann muss man dafür bezahlen und das kostet nun mal einen Betrag X. Dass sich die Länder dahinter ein paar Euros holen halte ich für völlig daneben und das hat mit der Rundfunkgebühr nichts zu tun. Ich bin für einen kräftigen öffentlich rechtlichen Rundfunk in diesem Land! Für mich ist die Frage, wem die Produktionsmittel gehören eine wesentliche. Das mag zwar ein bisschen marxistisch klingen ist aber nicht so gemeint. Was mich stört in der derzeitigen Diskussion ist das Aufwiegen. Möchte ich lieber einen privaten oder öffentlich rechtlichen Rundfunk? Nein, ich möchte beides, aber ich möchte einen richtig starken, parteipolitisch unabhängigen ORF.

Medienjournal: Sie haben Qualitätssicherung angesprochen. Der österreichische Journalistenclub hat letztes  Jahr den österreichischen Medienrat gegründet. Wie fällt die Bilanz sieben Monate nach der Gründung aus?

Turnheim: Es gab sieben Anfragen an den Medienrat, von denen allerdings keine zur Verhandlung gebracht wurde. Bei diesen Fällen ging es um Geschichten aber nicht um ungerechtfertigte Berichterstattungen. Wir hatten Pech bei der Gründung des Medienrates, das sag ich ganz offen. In der Woche, in der der Medienrat gegründet wurde, erschien in News eine Geschichte die wirklich kritikwürdig gewesen wäre. Seitdem war eigentlich kein großer „Aufreger“ dabei, vielleicht deshalb weil erwähnter Fall damals so große Aufmerksamkeit erlangte und die Medien seither relativ „brav“ waren.

Medienjournal: Es ist zu lesen, dass 150.000 Euro für den Presserat vorgesehen sind. Wissen Sie was der konkret tun soll und wo liegen die Unterschiede zum Medienrat?

Turnheim: Der Presserat ist ein sozialpartnerschaftliches Produkt zwischen den Zeitungsherausgebern und der Journalistengewerkschaft. Das sind die beiden großen Trägerorganisation und es geht, wie der Name sagt, rein um Printprodukte. Wenn ich die Aussendungen richtig verstanden habe, nur da müssen sie den Presserat fragen,  dann ist der Presserat außerdem nur für Medien, die Mitglieder des VÖZ sind, zuständig. Was somit wieder eine Einschränkung darstellt. Wenn die Bundesregierung glaubt, dass das 150.000 Euro wert ist, dann wird das der entsprechende Staatssekretär, der zuständige Minister und der Bundeskanzler zu verantworten haben. Ich kann nicht für Dritte sagen, ob sie Geld hergeben dürfen oder nicht.

Medienjournal: Der Medienrat wurde zudem noch aus einem anderen Grund gegründet. Der Journalistenclub sah die Pressefreiheit in Österreich gefährdet. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Turnheim: Die Pressefreiheit ist noch immer gefährdet, da hat sich noch immer nichts getan und zwar aus folgendem Grund:
Seit dem 11. September 2001 zeichnet sich der Versuch ab, die Freiheitsrechte und Bürgerrechte in  der Gesellschaft unter dem Vorwand, dass wir etwas gegen den Terrorismus unternehmen müssen, auszuhöhlen. Natürlich will ich nicht mit einen Flugzeug in die Luft gesprengt werden, keine Frage. Was ich nicht verstehe ist, dass die  Grundrechte und die Menschenrechte ausgehöhlt werden. Wenn man sich ansieht was im Sicherheitspolizeigesetz der letzten drei Novellen steht und was das auch für den Journalismus bedeutet, dann muss das hinterfragt werden. Wegweiserecht für PressefotografInnen und vieles mehr ist keine Option. Wir müssen in der nächsten Zeit vorsichtig sein, dass wir die Ergebnisse der Bürgerrechtsrevolution, unter anderem die Pressefreiheit, nicht wieder verlieren. Ich sehe die Gefahr im Bereich des Sicherheitspolizeigesetzes. Da prüfen wir derzeit eine Klage beim europäischen Gerichtshof. Wir haben massiv gegen das Mediengesetz der Justizministerien Stellung genommen und zwar deshalb, weil es wirklich eine Aushöhlung des freien Zugangs der Medien mit sich bringen würde. Ginge es nach dem  Mediengesetz im Form des ersten Ministerialentwurfes und würde es wieder zu einen Fall Fritzl kommen – um hier einen anderen großen Fall zu nennen – dann gebe es von der Polizei vor dem Gerichtsgebäude ein Wegweiserecht gegen JournalistenInnen und im Gerichtssaal könnte im schlimmsten Falle der Staatsanwalt entscheiden, welcheR JournalistIn berichten darf.

Wir haben das massiv beanstandet, weil wir das als Grundanschlag gegen mehrere Punkte der Pressefreiheit sehen. Ähnliches ist im jetzigen KommAustria-Entwurf, der das ganze Rundfunkgesetz betrifft, beinhaltet. Bei den privaten Medien wird beispielsweise das Redaktionsstatut viel schwächer gefasst als bei den öffentlich rechtlichen Medien. Hier haben wir eine Angleichung verlangt, damit die RedakteurInnen und JournalistInnen in den privaten Medien genauso in den gleichen strengen Auflagen geschützt sind wie die ORF-JournalistInnen. Wir wollen nicht, dass der öffentlich rechtliche Rundfunk in Frage gestellt wird. Ich bekenne mich zu einem  Trimedialen Prinzip.  Wir sind gegen eine weitere Kriminalisierung, die laut § 120a, den so genannten Anti-Paparazzi Paragraf, der noch dazu sehr schwammig formuliert ist, zu befürchten ist. Denn dieser Paragraph wird Paparazzis nicht treffen sondern die JournalisteInnen, die wirklich ernsthaft arbeiten wollen, weil auch hier eine nationale Gesetzgebung wenig bringt.

Das Bild von der Frau Fritzl, dem Opfer, wurde immerhin in der Sun erstveröffentlicht und in keinem österreichischen Medium. Obwohl bis heute dieses Bild im Internet über die Sun abrufbar wäre. Da hat sich gezeigt, dass die österreichischen Boulevardmedien ihrer Verantwortung bewusst waren.

Links:

Österreichischer Journalistenclub

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1 Kommentar »

  1. [...] sowohl Nutznießer als auch Opfer dieser Veränderungen. Die derzeitigen Medienförderungen sind Gießkannenförderungen, die sich nicht an Kernaufgaben wie Medieninnovation oder Partizipation [...]

    Pingback by Der Tag der Freien Medien » Termine, Wien » Webtermine.at — September 24, 2010 @ 11:11 pm

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