
Was passiert wenn Politik-, Gesellschafts- und Medienkritik auf feine Sprache mit lyrischem Anspruch trifft? Es entsteht ein 300 Seiten langes Opus an die Unabhängigkeit und Qualität im Journalismus.
Aus der Feder von Tom Schimmeck, einem profilierten Journalisten und bestens informierten und erfahrenen Insider in Sachen Verzwickung von Politik, Wirtschaft und Journalismus. Diese Kompetenz ist dem Hamburger zweifelsfrei zuzuschreiben, hat er doch die taz mitbegründet, war lange Zeit als Politikredakteur beim Spiegel und auch Weltweit unterwegs als Auslandskorrespondent beim Profil. Der freie Autor widmet sich in den letzten Jahren vermehrt dem Radio. Er ist Mitglied des Netzwerks Recherche, der Organisation Freischreiber, sowie Mitherausgeber des Online Magazins MagDA.
Publikumsbeschimpfung
Was der Leser gleich auf den ersten Seiten dieses exquisit formulierten Buches zu lesen bekommt, wird wohl einen Schock und einen Aufwacheffekt hervorrufen, denn es grenzt an Publikumsbeschimpfung in bester Peter Handke-Manier. Wie wahr es doch ist, dass so viel der Schuld an der Misere der Medien am schlechten Geschmack des Lesers haftenbleibt. Denn schließlich verkauft sich die „Bild“ nun mal gut, die „demokratische Abstimmung am Kiosk“ hat sie auf ihr Podest gehievt. Gar so streng ist aber Schimmeck mit der Leserschaft dann doch nicht und konzentriert sich in weiterer Folge auf die anderen Akteure im Mediensystem und deren Versagen.
Schimmeck verortet vor allem den ökonomischen Druck, der in den Printredaktionen immer größer wird angesichts des eingebrochenen Anzeigengeschäfts und der Abwanderung der Leser zum Internet als Faktor in der Abwärtsspirale der klassischen Medien. Immer weniger Journalisten, die immer schlechter bezahlt sind müssen mehr emotionalisierten, aufsehenerregenden Content abliefern. Was damit einhergeht ist ein Zurückgreifen auf Agentur und PR Texte, weniger Zeit um die Meldungen zu überprüfen und zu hinterfragen, immer weniger Ressourcen um eigene Geschichten zu recherchieren und kritisch auf Vorgänge in Politik und Gesellschaft zu blicken. Dazu müssen die Nachrichten immer aktueller sein, wobei der Inhalt auf der Strecke bleibt und die News somit immer inhaltsleerer aber dafür brandaktuell daherkommen.
Infotainment
Hinzu kritisiert Schimmeck die zu große Nähe von Journalisten und Politikern bzw. deren Beratern, die die Gefahr der persönlichen Verfälschung zugunsten der politischen Think-Tanks vergrößert. Hinzu kommt die Personalisierung und Emotionalisierung von Nachrichten. Vielmehr steht die Verpackung, die Aufmachung, das Event im Vordergrund als die eigentliche Botschaft. So sieht er auch diesen Trend im Zusammenhang mit dem neuen europäischen Rechtspopulismus in den Personen Berlusconis und Haiders verinnerlicht.
Es entsteht hier jedoch ein gewisser Widerspruch, wenn der Autor einerseits die mangelnde persönliche Reflexionsfähigkeit der Journalisten und damit das geringe Vermögen sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch zu vertreten und andererseits kritisiert er Journalisten die gerade Stellung beziehen, aber eben die politische Richtung nicht im Sinne des Autors ist. Dies ist wohl damit zu erklären, dass Schimmeck aktuell ein Ungleichgewicht zwischen den Anliegen der „Armen und Schwachen“, als deren Anwalt der Autor den Journalisten sieht und den quasi den Konzernen und Politikern zuarbeitenden Journalisten sieht.
Jedes der neun Kapitel ist von einem Zitat eingeleitet, die von Heinrich Heine über Kurt Tucholsky und David Bowie bis hin zu Al Capone reichen. Dabei sind die Überschriften der Kapitel eher metaphorisch und enthüllen dem Leser oft erst nach Lektüre des jeweiligen Kapitels deren geistreichen Sprachwitz.
Bestandsaufnahme der öffentlichen Diskurses
Was das Buch keinesfalls ist, ist eine systematische Abhandlung mit Lösungsvorschlägen, vielmehr ist es eine essayistische Zustandsbeschreibung, die als Mosaik der verschiedenen Problembereiche zu verstehen ist. Tom Schimmeck gelingt ein Balanceakt aus sprachlicher Kunstfertigkeit und Faktenvermittlung, gespickt mit einer deftigen Portion Zorn. Das Buch kommt aber trotzdem ausgesprochen locker daher und liefert mit dem Schlusskapitel „An die Journalisten“ sogar eine Note Optimismus. So heißt es:“ Wir werden gebraucht. Wenn wir gut sind, mehr denn je. Die Komplexität steigt, die Verwirrung wächst. Wir müssen wieder mehr Aufklärung als Zerstreuung liefern. Das ist möglich.“
Tom Schimmeck: am besten nichts Neues: Medien, Macht und Meinungsmache. Westend, 2010, 304 Seiten, EUR 18.50
Link: www.schimmeck.de
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