
Der Österreichische Medienverband sprach mit den beiden Etat-Redakteurinnen von derStandard.at Astrid Ebenführer und Sabine Bürger (Chefin vom Dienst) über die Veränderungen in der Medienbranche, neue Geschäftsfelder und Anforderungen an Medienjournalisten.
Medienjournal: Was muss man als Medienjournalist können?
Ebenführer: Dasselbe wie alle anderen Journalisten: sich auskennen in dem Bereich, den man bearbeitet, einen Überblick über die Medienlandschaft haben, Kontakte sammeln und sich einfach für sein Gebiet interessieren.
Medienjournal: Jedes private Medium finanziert sich über Klicks. derStandard.at/Etat garantiert über 70.000 Ad Impressions – das geht zumindest aus den Werbeunterlagen hervor. Der Tausendkontaktpreis (TKP) beträgt 36 Euro. Folglich müssen Sie Ihren Vertragskunden diese Leistung natürlich auch zur Verfügung stellen. Wenn ich das richtig gerechnet habe, lässt sich darüber eine Vollzeitstelle finanzieren. Wie viele Personen arbeiten in Ihrem Team?
Bürger: Im Etat-Team ist pro Tag eine Person beschäftigt. Insgesamt sind wir drei Leute in der Online-Redaktion und Harald Fidler aus der Zeitung – somit vier.
Medienjournal: Inwieweit ist die Geld-pro-Klick-Mentalität in der Realität der Redakteure angekommen? Erste Magazine im internationalen Umfeld beginnen gerade, ihre Leute darüber zu bezahlen.
Ebenführer: Ich als Redakteurin freue mich natürlich, wenn meine Artikel Zugriffe haben, weil es für mich einfach gut ist wenn meine Artikel gelesen werden. Ich merke aber keinen Druck, Zugriffe erzeugen zu müssen.
Medienjournal: Anders gefragt: Irgendwer schaut sich sicher die Zugriffsstatistiken an. Kommt es vor, dass man darauf in der Redaktion aufmerksam gemacht wird ?
Bürger: Jeder Redakteur, jede Redakteurin sieht ja, wie viele Zugriffe eine Geschichte hat. Das ist etwas frei Zugängliches. Man schaut natürlich was die Leser mehr und was weniger interessiert. Aber es hat prinzipiell keinen großen Einfluss darauf, was man im Etat macht. Man macht sicher auch Geschichten, von denen man weiß, dass sie höchst wahrscheinlich nicht so viele Zugriffe haben werden. Wir sind da relativ frei von diesem Druck, Klicks erzeugen zu müssen.
Ebenführer: Natürlich hat man ein gewisses Gespür als Redakteur. Man weiß, dieser Artikel wird mehr Leute interessieren als ein anderer. Aber das ist kein Grund, den anderen nicht zu schreiben.
Bürger: Dass man wie in den USA nach Zugriffen bezahlt wird ist Zukunftsmusik und ich denke, das wird sich bei uns nicht durchsetzen.
Medienjournal: Sie spielen Ihren Content ja auch über Social Media-Kanäle gratis aus, ohne Lukrierung von Werbegeldern. Beim Medienverband sind das rund 25 Prozent aller Zugriffe. Wie ist das bei Ihnen?
Bürger: Im Online-Bereich gesamt bekommen wir sehr viele Zugriffe über Suchmaschinen und Social Media. Da nähern wir uns fast den 45 Prozent. Wir zählen da beide Bereiche zusammen. Ich habe keine genauen Angaben über Social Media alleine.
Medienjournal: Inwieweit sind die Redakteure für die Betreuung der Social Media-Seiten zuständig? Sind sie angehalten ihre Artikel auch privat zu bewerben?
Ebenführer: Bei uns im Etat gibt es den Etat-Kanal und der wird von dem Redakteur, der Redakteurin bedient, der/die Dienst hat. Das ist nicht getrennt. Wenn ich eine Geschichte schreibe, stelle ich sie gleichzeitig auf Facebook im Etat online. Aber nicht auf meine private Seite. Das kann jeder so handhaben, wie er will, da gibt es keine Regelung.
Bürger: Es gibt natürlich manche, die stellen ihre Interviews auch auf die private Facebook-Seite. Da spricht ja auch nichts dagegen.
Medienjournal: Wie kommen Sie zu neuen Lesern und wie wollen Sie die ansprechen?
Bürger: Ich denke, dass wir sehr viele neue Leser über die Social Media-Seiten bekommen. Darum versuchen wir auch gezielt diese Zielgruppe anzusprechen. Es gibt mehrere Seiten von derStandard.at auf Facebook. Ansonsten versuchen wir einfach, was wir momentan machen, so gut wie möglich zu machen, und hoffen, dass wir auch gerne gelesen werden. Ein wichtiger Punkt ist sicher auch die Kommentarmöglichkeit bei uns.
Medienjournal: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppen und was wissen Sie über Ihre Leser unabhängig von den Kommentaren?
Ebenführer: Die Zielgruppe vom Etat sind einerseits Menschen, die medieninteressiert sind und andererseits die Kommunikations- und Werbebranche, also auch Werbe-, PR- und Mediaagenturen. Die meisten unserer Leser sind Männer.
Medienjournal: Ihre Redakteure haben ja auch einen ganz guten Überblick über den Medienmarkt in Österreich. Welche Entwicklungen zeichnen sich ab?
Bürger: Im Moment steht die Frage im Raum: Wie geht es im Print- und im Online-Bereich weiter? Was ändern die digitalen Umbrüche, was machen die neuen Geräte wie I-Pads und Apps? Wie lukriert man Geld über Pay-Walls? Wired hat zum Beispiel erst kürzlich geschrieben: “Das Web ist tot.” Weil man fast nur mehr über Apps einsteigt und so im Internet herumsurft. Einige setzen auf Bezahlschranken.
Medienjournal: Wie viel Zeit haben Sie pro Artikel für die Recherche?
Ebenführer: Wenn wir einen größeren Artikel planen, kann man sich die Zeit nehmen, die man für die Recherche braucht. Für meine Werberats-Geschichte hatte ich so fünf, sechs Stunden.
Bürger: Wir müssen natürlich schauen, dass wir am tagesaktuellen Geschehen dran bleiben und die relevanten Geschichten auf der Seite präsentieren. Da kann es schon mal sein, dass für solche Sachen weniger Zeit ist.
Medienjournal: Die Medienbranche steht im Umbruch, der Journalisums gerät immer mehr unter Druck. Peter Krotky von die Presse meint, im digitalen Bereich seien die funktionierenden Geschäftsmodelle noch nicht gefunden. Welche Geschäftsmodelle und Diskussionen haben Sie wahrnehmen können?
Bürger: Uns geht es eigentlich relativ gut. Natürlich könnte es, was die redaktionellen Ressourcen betrifft, noch viel besser sein. Aber derStandard.at finanziert sich einerseits durch Online-Werbung, durch Immobilienanzeigen, durch den Stellenmarkt, und andererseits über Content-Verkauf und das geht sehr gut. Wir schreiben ja auch Online schwarze Zahlen.
Ebenführer: Die Werbespendings verschieben sich Richtung Online.
Bürger: Ich halte eigentlich nichts davon, immer zu sagen, mit Online kann man nicht leben, mit Online kann man kein Geld verdienen. So ist es nicht.
Medienjournal: Sie haben den Content-Verkauf angesprochen. An wen verkaufen Sie?
Bürger: Es gibt eine Kooperation mit gmx.at. Die Nachrichten auf der Seite werden teilweise von RedakteurInnen von derStandard.at gemacht. Und dann gibt es natürlich, genauso wie in anderen Medien auch, Themenschwerpunkte, die gesponsert werden.
Medienjournal: Wie innovationsfreundlich sind die Förderstrukturen in Österreich?
Bürger: In erster Linie profitieren die Großen von den Förderungen. Es gab ja Neuerungen bei den Medienförderungen. Man geht einen Schritt weiter, sodass die privaten Rundfunkanstalten gefördert werden. Online-Medien werden zum Beispiel gar nicht gefördert. Die Freien Medien hätten sicher auch gerne mehr oder überhaupt etwas. Ich denke, da ist noch nicht das Optimum erreicht.
Links:
- derStandard.at/etat
- Peter Krotky zu Medien-Geschäftsmodellen (Medienjournal)
- Das Web ist tot (Wired)
Von Martin Aschauer und Heidemaire Porstner
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