
Das Medienjournal traf sich mit den Web 2.0-Experten Judith Denkmayr und Gerald Bäck, um gemeinsam über das mangelnde Vertrauen in “Soziale Medien”, deren Mehrwert und über künftige Entwicklungen zu sprechen. Ihre Agentur Digital Affairs bietet strategische Beratung für Unternehmen beim Aufbau von nachhaltigen Kommunikationskanälen an.
Medienjournal: Digital Affairs setzt sich für die breitenwirksame Etablierung von Social Media ein. Wie kann man sich das vorstellen?
Denkmayr: Diese Breitenwirksamkeit entspricht unserem Geschäftsmodell, denn wir sind ein kommerzielles Unternehmen. Wir sind der Meinung, dass Soziale Medien an sich breitenwirksam sind – mit 2 Millionen Facebook-Usern ist das nicht mehr zu übersehen. Damit hat es eine technische Reichweite, die so manchen Privatfernseh- und Radiosendern gleichkommt. Wir sind diejenigen, die erklären können, wie man Social Media benützt.
Bäck: Wir glauben auch daran, dass Social Media funktioniert und dass es eine neuere und gute Form des Dialogs ist, v.a. für Unternehmen und Organisationen. Dieses Phänomen geht weg vom Top-Down-Ansatz in Richtung dialogorientierter Kommunikation.
Medienjournal: Da kommen wir schon zur nächsten Frage: Was unterscheidet Sie von Mitbewerbern wie beispielsweise Digitalks.
Denkmayr: Digitalks sieht sich in erster Linie als Ausbildungsformat für jedermann. Wir jedoch machen strategische Beratung, das heißt, wir überlegen uns für jedes Unternehmen, das zu uns kommt, was hier Sinn macht – angefangen beim Content bis hin zur personalen Zuständigkeit im Unternehmen.
Bäck: Social Media war bisher eher geprägt vom Social Media Marketing-Ansatz. Es war Marketing-getrieben und dadurch Kampagnen-orientiert. Wir sehen Soziale Medien als Teil der Gesamtkommunikation. Wir helfen beim Aufbau von nachhaltigen Kommunikationskanälen.
Medienjournal: Auf Ihrer Website steht, „Unternehmen setzen Social Media nur zögerlich ein“. Welche Gründe gibt es hierfür?
Denkmayr: Eine gewisse Scheu vor allem Neuen, vor allem, wenn es um den Ruf der Unternehmen geht. Im Gegensatz zu den USA ist bei uns die Bevölkerung älter, die Unternehmer und deren Strukturen sind anders, darum dauert es bei uns immer länger, bis Innovationen durchkommen. Hinzu kommt, dass man jetzt z.B. aus den USA, wo Social Media stärker verwendet werden, in den Medien von sogenannten „Super-Gaus“ hört und davon, wer nicht seine Online-Reputation verloren hat. Eine weitere Angst ist die vor Kontrollverlust. Wir sind aber der Meinung, dass das Problem in solchen Fällen die mangelnde Dialogbereitschaft ist und nicht Social Media grundsätzlich böse sind. Wir versuchen unseren Kunden die Dynamik dahinter zu erklären.
Medienjournal: Wie stehen Sie zur Angst vor Datenmissbrauch durch die Verwendung von Social Media?
Denkmayr: Ich geben meine Daten bewusst ein. Bis zu einem gewissen Punkt, z.B. bei Fotos oder Postings, share ich meine Daten mit Absicht. Es kommt also immer drauf an, um welche Daten es sich handelt.
Bäck: Ich denke auch, dass dieses Thema etwas hysterisch behandelt wird. Aufgrund des technischen Fortschritts gibt es so viel Material über jeden von uns, dass mit diesen Informationen künftig lockerer umgegangen werden wird. Die Menschen müssen dennoch sensibilisiert werden. Man sollte nur das online stellen, was man auch öffentlich sagen würde.
Denkmayr: Hierzu ist noch zu bemerken, dass die Bedrohung des Datenmissbrauchs nicht wirklich neu ist. Gestern war zum Beispiel in der Spiegel-Onlineausgabe zu lesen, dass ein Drittel der Arbeitgeber in den USA schon einmal jemanden aufgrund eines kompromittierenden E-Mail-Inhalts gekündigt hat. Teilweise werden die Probleme, wie Datenschutz oder Cybermobbing, nicht bei der Wurzel gepackt – nämlich in den normalen menschlichen Beziehungen – sondern werden jetzt als Online-Problem gesehen.
Medienjournal: Digital Affairs ermittelte die hundert wichtigsten Twitterer Österreichs – die mit den meisten österreichischen Followern. Der Österreichische Medienverband war unter den ersten 80, obwohl wir Twitter bisher noch wenig nützen. Wie bedeutungslos ist demnach Twitter?
Denkmayr: Twitter hat eine ganz eigene Community. Dort ist es sehr bedeutungsvoll. Aktive Twitteruser sind die klassische Zielgruppe von relativ gut gebildeten, Medien zugewandten und sich oftmals in Führungspositionen befindenden Leuten. Es ist also ein klassisches Opinion Leader-Medium. In Deutschland ist Twitter wesentlich größer als in Österreich, aber es wächst auch hierzulande.
Bäck: Natürlich, Facebook hat zwei Millionen User in Österreich und Twitter etwa 20.000. Es wird bei Facebook aber nie gelingen, alle User zu erreichen. Auf Twitter schaffe ich das leichter, weil die Kommunikation und die Struktur offener sind und weil es lose Verbindungen fördert. Auf Facebook muss die Kommunikation auf Gegenseitigkeit basieren. Auf Twitter ist das nicht nötig. Ich abonniere was mich interessiert. Mit Twitter kann man also mehr Reichweite erzielen als mit Facebook. Twitter ist demnach teils sogar bedeutungsvoller als Facebook.
Medienjournal: Zum Stichwort Digital Divide – also Zweiklassengesellschaft – kommt es zu einer solchen oder haben wir sie schon?
Denkmayr: Es besteht auf alle Fälle die Gefahr, dass es einen Digital Divide gibt, wenn Menschen der Zugang zu Neuen Medien verweigert wird. Was ältere Menschen anbelangt: Hier gibt es einen großen Zuwachs von Breitbandonlineanschlüssen und natürlich von Sozialen Netzwerken. Die jetzigen User werden älter und so wie früher die klassische Zielgruppe Studentinnen waren, sind heute Kids dabei und künftig immer mehr ältere Menschen. Es gibt inzwischen auch schon Netzwerke, die sich speziell mit Pensionisten beschäftigen.
Medienjournal: Wie sieht die Zukunft von Social Media aus?
Denkmayr: Facebook wird sicher noch wachsen. Facebook versucht konsequent, Google den Rang abzulaufen. Zusätzlich zu Facebook wird es noch einige Spartenprogramme geben, ob das nun Geo Apps sind oder auf bestimmte Themen fokussierte Communities.
Bäck: In ein paar Jahren werden die, die kein Facebook haben, ähnlich kurios sein wie heute Leute ohne Handy. Ich glaube nicht, dass Facebook in der Lage sein wird, Google den Rang abzulaufen. Auch Twitter wird sich sicher noch weiter verbreiten. Derzeit sehe ich hier kein vergleichbares Tool. Blogs werden auch bleiben und an Reichweite gewinnen.
Medienjournal: Vor einigen Jahren hat jeder Myspace gehabt und jetzt ist es eine Nische. Sind virtuelle Welten in diesem Sinn kein Zukuntsthema –ich denke an Second Life?
Denkmayr: Myspace hatte das Problem, dass es sich nicht weiterentwickelt und daher gegen Facebook an Popularität eingebüßt hat. Es ist aber nach wie vor eine starke Special Interest Community für Musikinteressierte. Facebook hatte von Vornherein offene Schnittstellen und hat stark von Applikationen wie Games und anderen Netzwerkeffekte profitiert. Second Life ist meiner Meinung nach nie wirklich ernst zu nehmen gewesen. Es war ein reines Hype-Thema und hatte zu wenig reelle User.
Bäck: Im Web scheitern meist die Projekte, die reale Bilder nur ins Web portieren wollen. Bei Second Life war das der Fall.
Medienjournal: Bewegte Bilder sind aber nach wie vor ein Thema…
Denkmayr: Wir haben letztens wieder über Augmented Reality gesprochen – an sich ein schönes Tool. Es ist aber ein Spielzeug und für ein Spielzeug ist es in der Entwicklung zu teuer. Die Sachen, die sich durchsetzen, müssen einen gewissen reellen Mehrwert haben. Facebook gibt dir den Benefit, dass du mit deinen Freunden in Verbindung bleibst, dass sie dir etwas empfehlen, dass du am öffentlichen Leben Anteil hast – in einer Applikation und multimedial.
Medienjournal: Welche fünf Social Medias würdet ihr mir empfehlen?
Denkmayr: Zunächst Twitter und Facebook und vielleicht noch Xing.
Bäck: Ich würde dann noch die Anteilnahme an der Blogosphäre empfehlen und einen ordentlichen Feedreader, um möglichst viele interessante Blogs parat zu haben.
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