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15. Dezember, 2010 | laura.sabetzer


Aus Frustration über den „Gefälligkeitsjournalismus“, den „sinnlosen Berichten und Zeilenwortspenden“ gründeten die zwei Wiener Journalisten Peter Hiess und Klaus Hübner 1996 das erste Webzine Österreichs. Mit dem EVOLVER leisten sie seit nun 14 Jahren Widerstand gegen den „Konsumjournalismus“ und publizieren gemeinsam mit einigen anderen Autoren im „goscherten“ EVOLVER-Stil Kommentare zu Politik und Alltag.

Das Medienjournal traf sich mit den beiden Herausgebern und plauderte über die Entwicklungen des EVOLVERs  in den vergangenen 14 Jahren: Was macht Qualitätsjournalismus aus ihrer Sicht aus und was raten sie angehenden Journalisten?

Medienjournal: Welche Intention stand hinter der Gründung von EVOLVER?

Hübner: Weltherrschaft.

Hiess: Ja, unter anderem Weltherrschaft. Ich habe Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger Fanzines gemacht und bin seit 1982 „offiziell“ im Journalismus tätig – der aber spätestens seit den Neunzigern immer mehr zum Konsumjournalismus verkommen ist. Also Promi-Interviews, sinnlose Berichte – Zeilenwortspenden über irgendwelche Kulturprodukte. Wir gehören aber zu einer Generation, die mit Popkultur aufgewachsen ist und waren überzeugt, dass wir auch intelligent und witzig darüber schreiben können. Dass es das Internet gab hab ich zu der Zeit schon gewusst, aber die Idee, ein Magazin im Internet zu machen stammt von Klaus.

Hübner: Der Gefälligkeitsjournalismus von heute wundert niemanden mehr. Wir haben uns damals schon gewundert. Wir wollten einfach puren Journalismus machen, unbeeinflusst von ökonomischen Faktoren.

Medienjournal: Welche Erfahrung habt ihr damals mit dem „Gratis-Journalismus“ gemacht?

Hübner: Das Kernteam der Redaktion bildeten von Anfang an Profis – alles Leute, die heute noch in der Branche tätig sind. Die haben alle gratis gearbeitet, die wollten einfach bei diesem neuen „Ding“ dabei sein. In meinen bald 20 Jahren in der Branche hat sich immer wieder gezeigt, dass es in Wien einen sehr kleinen Kreis von Leuten gibt, die wirklich schreiben können. Alle anderen sind mehr oder weniger bessere Spaltenfüller.

Hiess: Und der Evolver hat den Vorzug gehabt, dass er immer professionell redigiert war und professionell betreut wurde, was im Internet selten vorkommt.

Medienjournal: Welche Entwicklung seht ihr in den vergangenen 14 Jahren im Web-Journalismus?

Hübner: Es ist eine Entwicklung in Richtung Quantität und weg von der Qualität.

Hiess: Ja, absolut. Es ist ja gut, dass es unzählige Weblogs und Social Network-Seiten gibt, in denen jeder Texte produzieren kann, vor allem im Sinne der Demokratie. Aber das ist ein bisschen so wie in den 1960ern als jeder behauptete Künstler zu sein und da hat man gesehen, was da herausgekommen ist. Es ist nun mal nicht jeder ein Künstler und nicht jeder kann schreiben – es soll auch nicht jeder. Der Web-Journalismus – wenn man Journalismus als „Kriterium“ sieht – ist dazu verkommen, dass Mainstream-Medien wie Zeitungen, Fernsehen oder Radio sich zusätzlich eine Website leisten, worin die Leute ihre Inhalte, die sie ohnehin schon verbreitet haben, nochmal vorstellen dürfen.

Medienjournal: Was ist denn aus eurer Sicht Qualitätsjournalismus?

Hübner: Qualitätsjournalismus kann man heute tatsächlich im Fernsehen finden. Das Fernsehen steigt meiner Meinung nach reputationsmäßig immer höher, nämlich seit dort Sendungen wie „Das Geschäft mit der Liebe“ auf ATV laufen. Da kommt das Fernsehen wirklich zu sich. Da werden intensive emotionale Zustände erzeugt. Das sind radikale Formate, die wirklich aufwühlen. Nachrichten schaut ja bald keiner mehr im Fernsehen, weil jeder mittlerweile weiß, dass das, was da verzapft wird, eine verkürzte, gezielt verfälschte und irreführende Verdrehung von Tatsachen, also ein behinderter Quatsch ist. Jetzt finden die Fernsehleute endlich heraus, worum’s wirklich geht. Das finde ich gut. Jetzt überleg ich mir auch wieder, Fernsehen zu machen.

Hiess: Auf jeden Fall wollte der Evolver von Anfang an nichts mit Wirtschaft und Politik zu tun haben und darüber berichten. Das sind grausliche Themen von denen ich gar nichts wissen will. Aber es ist schön, dass es im Internet mittlerweile so viele alternative Informationsquellen gibt. Wenn man heute in der Zeitung liest, dass dieses und jenes passiert ist, hast du zumindest gegenteilige Informationen. Das find ich ganz gut. Dass einfach immer mehr Menschen sagen: „Ich glaub das nicht.“ ist ein Ansatz zur geistigen Öffnung der Menschen. Ich glaube ja auch nichts; ich glaube ja nicht einmal das, was ich selber schreibe.

Hübner: Ich glaube, es ist einfach schön, wenn man so wie wir beim Evolver keine übergeordnete Instanz hat, die als Flaschenhals für Informationen fungiert. Da kann man sich einfach ungehalten über alles äußern, was einem einfällt. Wenn man auf derbe Weise über Politiker herzieht, so wie wir es immer wieder machen, passiert einem auch nichts. Wenn sich jemand aufregen würde, bekämen wir ja einen Öffentlichkeitsschub. Und so kann man sich irrsinnig viel erlauben im Internet und kommt immer ungeschoren davon.

Medienjournal: Welchen Tipp würdet ihr jungen AutorInnen bzw. JournalistInnen mit auf den Weg geben, wenn Sie im Journalismus Fuß fassen möchten?

Hiess: 1. Wenn du nicht schreiben musst, dann lass es bleiben. Wenn du nicht das Bedürfnis hast, dass du dich jeden Tag hinsetzt und etwas schreibst, weil sonst bist du’s nicht, recherchierst, oder irgendetwas in der Richtung machst, dann lass es. Lass den Markt für andere frei, die schreiben müssen.

2. Nicht Publizistik studieren oder auf irgendeine von diesen teuren Privatunis gehen, wo sie in Krems dann für 12.000 Euro in zwei Jahren Qualitätsjournalismus erklären, denn das hat mit Journalismus nichts zu tun. Stattdessen einfach Themen erfinden, Geschichten schreiben, die Geschichten jemandem schicken oder selber veröffentlichen, so lange bis man Bekanntheitsgrad erlangt.

Hübner: Dann such dir einen Job, wo es etwas zu Verdienen gibt. Es ist nämlich so: Richtig verdienen kann man im Journalismus nicht. Wenn man bereit ist, in den ORF-Harem einzutreten, dann kann man vielleicht Geld machen. Aber am freien Markt kannst du es höchstens zu ein bisschen Wohlstand bringen. Und ja nicht glauben, man kann’s. Sich ja nicht einbilden, man kann’s jetzt. Dann ist man nämlich meistens wieder auf dem Weg, schlechter zu werden.

Hiess: Und dann kann ich noch jedem raten: Probiert es beim Evolver. Wenn jemand schreiben will, Geschichten in den Bereichen, die der Evolver abdeckt, dann soll er sie schicken. Und bekommt von mir, Klaus Hübner oder dem Marcus Stöger ehrliche Urteile, ob das einen Sinn hat. Man soll bitte nicht mit Kolumnen anfangen, die sind so ziemlich das Schwierigste, was man machen kann, sondern vielleicht mit Rezensionen. Genauso wenn jemand ein Buchmanuskript hat – einfach an Evolver Books schicken und ich werde auch hier ehrlich sagen, warum wir es wollen oder halt nicht wollen. Wir haben uns immer als Förderung für Nachwuchs gesehen. So, jetzt haben wir uns aber genug gelobt.

Mehr von Hübner und Hiess: „Wir kämpfen gegen jede Form von Diktatur.“, Teil 2 des EVOLVER-Interviews

Link: Evolver

Foto: Victoria Zedlacher

(Interview von Laura Sabetzer und Victoria Zedlacher)

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1 Kommentar »

  1. Mir ist ja schon viel untergekommen, aber die Behauptung “Das Geschäft mit der Liebe” von ATV sei Qualitätsjournalismus übertrifft alles.

    Kommentar by HerGa — Dezember 20, 2010 @ 12:29 pm

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