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13. Juli, 2010 | laura.sabetzer


Etwas ist solange wahr bis es jemand hinterfragt. Erfundene Stories und regelrechte Märchen werden täglich von den Medien verbreitet. Nick Davies erklärt in seinem Buch „Flat Earth News“ warum Medienakteure häufig wie im Spiel „Stille Post“ handeln und Nachrichten recyceln. Das hat meist globale Auswirkungen.

Nick Davies 2008 erschienener Bestseller „Flat Earth News“ kommt einem gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise und der Zeitungskrise wieder in den Sinn. Dass viele Medien Unwahrheiten und mangelhaft überprüfte Stories verbreiten, liegt nicht etwa an der Unfähigkeit der Journalisten. Es ist vielmehr ein Ergebnis des Zeitdrucks und der Ressourcenknappheit der Redakteure. Gerade in Zeiten der Krise, in der Medien aller Art zu Sparmaßnahmen gezwungen sind, arbeiten immer weniger Journalisten an einer im größeren Zahl Artikel. Dass die Qualität der Meldungen darunter leiden muss, ist ein logischer Schluss.

„Nachrichtenfabriken“

Dadurch entwickelte sich laut Davies in den letzten Jahren der so genannte „Churnalismus“ (von „to churn out“ – am laufenden Band/Fließband produzieren). Die Journalisten sind nur noch Angestellte der „Nachrichtenfabriken“, in denen sie so schnell wie möglich produzieren müssen. Der Zeitdruck macht die Massenmedien zu Verbreitern von Falschmeldungen, Propaganda und Legenden.

Das Rechercheteam von Davies, Mitarbeiter des Medieninstituts der Universität Cardiff, kam zu einer Reihe interessanter Ergebnissen. Geprüft wurden über zweitausend Berichte britischer Qualitäts- und Boulevardzeitungen. Sie fanden heraus, dass 60% der Inhalte großteils auf Pressemitteilungen und Agenturmeldungen basierten. Nur 12% der Artikel beruhten auf eigenen Recherchen. „PR professionals generally aim specifically to make their own role in a story invisible, and journalists are happy to go along with that.“ (S. 53)

„Ninja Turtle Syndrom“

Was „Flat Earth News“ wirklich bedeutet, beschreibt Davies am Beispiel von Mr. Paul Hucker. Dessen Geschichte, diese Erzählung möchte man fast sagen, verbreitete sich von britischen Regionalzeitungen bis zu amerikanischen Nachrichtenagenturen. Die Nachricht lautete: Mr. Paul Hucker hatte sich, im Fall eines Ausscheidens der englischen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2006, gegen ein etwaiges „emotionelles Trauma“ versichern lassen. Einziges Manko: Diese Story war falsch. Obwohl es ein Aufwand von Minuten gewesen wäre die Fakten zu überprüfen, wurde die Story weltweit publiziert. Laut Davies hat diese Geschichte alles, was eine „Flat Earth News“-Nachricht braucht: „[…] an unreliable statement created by outsiders, usually for their own commercial or political benefit, injected via a wire agency into the arteries of the media through which it then circulates arount the whole body of global communication.” (S. 51) Davies nennt dieses Phänomen das „Ninja Turtle Syndrom” – eine Story wird publiziert, aus dem einfachen Grund, weil dies eine andere Zeitung auch gemacht hat. Doch wie bei „Stille Post“ geht bei jeder Person – bei jedem Medium – ein Stückchen Wahrheit verloren. Davies vergleicht das mit der, in den 1990ern beliebten Fernsehserie Teenage Mutant Ninja Turtles, die jedes Kind sehen und die Spielfiguren besitzen wollte.

“Millennium Bug”

Davies nennt noch viele ähnliche Stories. Beispielsweise die Medienberichte über Massenvernichtungswaffen im Irak oder die Angst vor globalen Netzwerkabstürzen zum Millennium (“Millennium Bug”). Wie viele andere Bücher zum Thema Qualitätsverlust und Nachrichtenindustrie, bietet dieses lediglich eine Tatsachenbeschreibung und -analyse, aber keine Lösung. Kritisieren könnte man, dass Davies Sinne der „good journalist vs. bad journalist“-Sicht schreibt: Er als „guter“ Redakteur der Qualitätszeitung, gegen die „bösen“ anderen Journalisten der Boulevardzeitungen. Das irritiert kurzzeitig. Die präzise recherchierten Tatsachenbeschreibungen und die Fülle an Beispielen machen das Buch aber überaus vielschichtig. Besonders lesenswert ist das Kapitel „The Rules of Production“. „Flat Earth News“ ist nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein interessantes journalismuskritisches Buch über die Methoden der Nachrichtenproduktion, welches auch in den folgenden Jahren weiter gelesen werden wird.

Flat Earth News. An Award-winning Reporter Exposes Falsehood, Distortion and Propaganda in the Global Media. Taschenbuch. Vintage Books London, 2008, 420 Seiten, 11,99 Euro

Der Autor:
Nick Davies, geboren 1953, schrieb mehrere Bücher zu Journalismus und Politik und nahm sich immer wieder demokratiepolitischen Fragen an. Er ist Journalist bei der Britischen Tageszeitung Guardian. Er wurde Journalist of the Year, Reporter of the Year und Feature Writer of the Year bei den Britischen Presse-Awards. Weitere Bücher sind “White Lies”, “Murder on Ward Four”, “Dark Heart” und “The School Report”.

Links:

Bild: Laura Sabetzer


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