
Der Wandel des Journalismus angesichts der rasanten Innovations- und Technologieschübe in der Computer- und Telekommunikationsindustrie, hält die Medienwelt in Atem. Das Internet macht Druck, die Einnahmen der Verlage schwanken und die Auflagenzahlen sinken. Die klassischen Medien sehen der größten Sinnkrise ihrer Geschichte ins Auge. Dabei rückt die Frage nach der Zukunft der journalistischen Königsdisziplin, der investigativen Reportage, immer mehr in den Fokus.
Schwindende Qualität
Eine der zahlreichen negativen Folgen der Zeitungskrise, ist der Trend zur Oberflächlichkeit in der Berichterstattung. Aufgrund des raschen Themenwechsels können sich mittel- und langfristig nur Inhalte mit einfacher Sinnstruktur und Polarisierungspotenzial halten. Stets wachsende Bemühungen der Pressestellen und PR-Agenturen in den Prozess des Agenda-Settings und Agenda-Cuttings einzugreifen, führen dazu, dass das Ausmaß an gesteuerter und blockierter Information immer größer wird. Dabei stützen sich die Redaktionen in der Praxis meist allein auf das Agenturmaterial ohne zu prüfen, auf welcher Grundlage dieser Service entstanden ist. Ein weiterer Stolperstein auf dem Weg zur journalistischen Qualität ist die Quotenfixierung. Lässt man die Auflagenzahlen entscheiden, bestimmen rein quantitative Kriterien das Themenranking im journalistischen Alltag und damit auch die Ressourcenausstattung. Ist angesichts der zunehmenden Boulevardisierung der Nachrichten der investigative Journalist eine aussterbende Spezies oder könnte eine Rückbesinnung auf diese journalistische Kernfunktion – gerade in Zeiten der medialen Identitätskrise – vielleicht interessante Anregungen bieten?
Ungewisse Zukunftsaussichten
Um Missverständnissen vorzubeugen: Investigativ sind nicht die reißerischen Exzesse des Boulevards etwa in den Fällen Josef Fritzl oder Natascha Kampusch. Leider werden Gerichtsprotokolle nicht immer in der edlen Absicht veröffentlicht, Missstände aufzudecken. Investigativ, abgeleitet vom lat. „investigare“ – „aufspüren, genauestens untersuchen“, bezeichnet jene Art des Journalismus, die sich der Aufdeckung von Missständen und personellem Fehlverhalten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft verschrieben hat. Keine leichte Aufgabe, wenn man genauer hinsieht. Im Idealfall gewinnt der Journalist im Rahmen seiner tiefschürfenden Recherche, die nötige Sachkenntnis um Zusammenhänge und Hintergründe glaubwürdig aufzuzeigen, diese zu analysieren und zu interpretieren und darauf begründete Meinungen, falls notwendig auch gegen den Mainstream, mit Mut zu vertreten. So wird von Fall zu Fall mühevoll neues Expertenwissen zusammengetragen. Eine Garantie für gewünschten Verlauf der Nachforschungen gibt es natürlich nicht und so kann es passieren, dass am Ende einer kostspieligen und zeitintensiven Untersuchungsphase kein herzeigbares Resultat vorliegt. In den USA wird bereits darüber diskutiert, wie sich solche langwierigen Recherchen angesichts der schrumpfenden Budgets und Redaktionsteams in Zukunft bewerkstelligen lassen.
Stiftungen als Retter in Not?
Eine mögliche Antwort darauf könnte der sog. Funding Journalism bieten. Es ist ein recht neuer Ansatz, bei dem eine gemeinnützige Stiftung Journalisten beschäftigt und ihre Arbeit aus Spendengeldern finanziert. Die fertigen Erzeugnisse werden den Medien zur freien Publikation geboten und der Kostenfaktor investigativer Recherche somit ausgelagert. Ein konkretes Beispiel für ein solches Stiftungsmodell ist ProPublika, welches 2008 vom US-Milliardärsehepaar Sandler gegründet wurde. Das 32-köpfige Redaktionsteam bekommt zehn Millionen Dollar jährlich für die Recherchen im öffentlichen Interesse. Der wohl prominenteste Beleg für das hohe Qualitätsniveau der ProPublika Publikationen, ist der diesjährige Pulitzer Preis, welcher erstmals an ein Online-Medium verliehen wurde. Eine weitere, nach diesem Prinzip funktionierende Non-Profit-Organisation aus den USA ist der Huffington Post Investigative Fund, der in der Verschmelzung der Watchdog-Funktion, der traditionellen journalistischen Werte mit den besten Tools der Neuen Medien den investigativen Journalismus neu erfinden will. Für den Geschäftsführer Nick Penniman ist es klar: „bei Enthüllungsjournalismus darf es nicht ums Geldverdienen gehen“. Spot.us, ein Open-Source-Projekt unter Beteiligung zahlreicher Bürger, Journalisten und Medienunternehmen, ist ebenfalls eine gemeinnützig ausgerichtete Nachrichten-Plattform aus den USA. Dieses Projekt finanziert sich jedoch zum Teil aus den Spenden der eigenen Online-Gemeinde sowie den Zuschüssen einer Stiftung. Einer der bekanntesten Kooperations-Partner ist die New York Times. Wichtige und im Mainstream der täglichen Pressemeldungen übergangene Themen, bekommen hier eine neue Öffentlichkeit. Der europäische Pionier des Funding Journalism für Hintergrundbeiträge aus Osteuropa heißt Maiak und finanziert sich durch einen schweizerischen Trägerverein.
Mit vereinter Kraft
Eine weitere interessante Entwicklung im Zusammenhang mit der investigativen Berichterstattung sind die technisch veränderten Möglichkeiten zur Weitergabe und Veröffentlichung von Dokumenten. Die Whistleblower Plattform Wikileaks sorgte kürzlich mit der koordinierten Veröffentlichung von rund 90.000 geheimen Einzeldokumenten, auch als „Afghanistan War Logs“ bekannt, durch renommierte Medien wie die New York Times, den Guardian und den Spiegel, für großes Aufsehen. Dieses Zusammenspiel zwischen der bis dato relativ unbekannten Wikileaks und den klassischen Medienriesen war ein kluger Schachzug zur Maximierung des öffentlichen Medieninteresses und eine einzigartige Kooperation zwischen klassischen und neuen Medien. Eine Vereinigung der Kräfte anstatt erbitterter Konkurrenz zwischen den Print- und Onlineakteuren trug offenbar Früchte. Medienexperte Jeff Jarvis sieht darin Zukunftspotenzial und interpretiert die Leistung der Print-Journalisten folgendermaßen: “Wikileaks, did what they did and the paper´s journalists added value: digging through the data, giving it perspective, editing out dangerous pieces, getting reaction and then giving it audience and attention. That is the role journalists will continuously perform in the future: adding value”.
Neue Wege
Zweifelsfrei, der öffentliche Umgang mit Information befindet sich im Umbruch. Medienexperten sehen eine Akzentverschiebung, weg von der durch alte Massenmedien geprägten Struktur hin zu einer Vielfalt aus miteinander vernetzten Klein- und Kleinstmedien. Dabei vollzieht sich ein Paradigmenwechsel weg vom gewohnten ethischem Leitwert der Objektivität hin zur Transparenz für das Publikum. Viele der neuen Online-Medien sind eindeutig parteiisch, legen ihre Motive jedoch offen. Neue Medienakteure wie Aktivisten- und Finanzmarktzeitungen, Webradios, Onlineforen, NGOs und thematisch spezialisierte Blogs, greifen zunehmend die Watchdog-Funktion der klassischen Medien auf. Durch die neuen technischen Möglichkeiten bekommt der investigatitve Journalismus eine neue Dimension. Einerseits entstehen hier Möglichkeiten für künftige Zusammenarbeit zwischen den klassischen und neuen Medienakteuren. Betreiber kleinerer Watchblogs können nicht nur die Sensibilität ihrer Leser für tägliche Ereignisse und die damit zusammenhängende Medienberichterstattung schärfen, der Leser kann in einzelne Arbeitsschritte, wie Themenfindung oder Quellensuche eingebunden werden. Sollten die Projekte des stiftungsfinanziertem Journalismus erfolgreich verlaufen, könnten sie die Medienlandschaft langfristig bereichern, einen Beitrag zur Steigerung der journalistischen Qualität leisten und nicht zuletzt das Vertrauen seitens der Leser stärken. Unabhängig davon was die Zukunft bringt, auf jeden Fall gehört eine gewisse Portion Idealismus und Leidenschaft dazu, sich investigativ an ein Thema zu nähern. Diese Eigenschaften zu fördern und zu pflegen ist in diesem Sinne unser aller Aufgabe.
Links:
- ProPublika
- Huffington Post Investigative Fund
- Spot.us
- Maiak
- Netzwerkrecherche
- Studie zum Journalismus
- Hintergrundbericht zur Zeitungskrise
- Value-added journalism
- Afghanistan-Protokolle
Foto: by lucspics
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