
Der Ruf nach freier Meinungsäußerung als Garant für das Funktionieren von demokratischen Systemen ist allgegenwärtig. Die vermeintliche vierte Macht im Staat, kritischer Journalismus, provokativ und unparteiisch, frei von Interessen.
Niemand stellt in demokratischen Gesellschaften die Wichtigkeit kritischer Meinungsäußerung in Frage. Ob die transportierten Inhalte wirklich im Sinne eines Ausgleiches wirken ist die Frage der der deutsche Nationalökonom und Publizist Albrecht Müller nicht nur im vorliegenden Buch „Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen“ nachgeht. Dieses Bollwerk der kritischen Gedanken von knapp 500 Seiten ist zwar schon im August 2009 erschienen, nun liegt aber auch eine Taschenbuchausgabe vor und diese soll hier auch ihren Raum bekommen.
Der Autor
Albrecht Müller stellt gleich ganz an Anfang des Buches klar, wer er ist, wo er herkommt und in welchem Ausmaß das für das Buch relevant ist. Geboren 1938 studierte er Volkswirtschaft und Soziologie, danach folgte eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität München. Er schrieb Reden für den SPD Wirtschaftsminister Karl Schiller, war danach Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des SPD-Vorstandes und damit in den Wahlkampf um die Wiederwahl von Willy Brandt 1972 involviert. Als Leiter der Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes blieb er unter Willy Brandt und später unter Helmut Schmidt bis zum Wahlsieg von Helmut Kohl 1982 tätig. Danach setzte er seine politische Beratertätigkeit fort, kandidierte 1984 erfolglos als Oberbürgermeister von Heidelberg, um dann 1985 bis 1986 Gerhard Schröder im Wahlkampf zu unterstützen. 1987 zog Müller in den Bundestag ein und blieb bis 1994 Abgeordneter. Als Autor und Journalist sowie Politik- und Unternehmensberater ist er bis heute tätig. Er veröffentlichte Artikel und einige Bücher. Zusammen mit Wolfgang Lieb, der auch zwei Kapitel zum vorliegenden Werk beigesteuert hat, betreibt Müller das Webportal NachDenkSeiten.de, das sich die kritische Betrachtung von Sozial- und Wirtschaftspolitik und Meinungsbildung auf die Fahnen geschrieben hat.
Mechanismen, Methoden, Meinungen
Dieses Buch ist eine logische Folge der zahlreichen Tätigkeiten Müllers. Durch die Nähe zum politischen Geschehen in der Vergangenheit und die langjährige Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen ist ihm eine hohe Kompetenz und Sachkenntnis zuzuschreiben. Müller sieht sich als Sozialdemokrat, der rechtskonservative wie neoliberale Entwicklungen kritisiert. Auch mit vielen Entwicklungen der letzten Jahre innerhalb der SPD geht er hart ins Gericht, insbesondere mit Gerhard Schröder und den von ihm umgesetzten Reformen rund um die Agenda 2010. Gleichzeitig bemüht sich Müller um die Rehabilitierung von Willy Brandt, dessen Verdienste er heute nicht ausreichend gewürdigt sieht.
Anhand einer Vielzahl von Themenbereichen, die in den letzten Jahren in Deutschland in den Medien präsent waren, zeigt der Autor in diesem Buch wie gezielt und akribisch geplant versucht wird, Meinungen und Einstellungen der Bürger zu beeinflussen. Er zeigt Mechanismen und Methoden mit denen Meinungen „gemacht“ werden. Müller identifiziert diese Methoden und zeigt sie systematisch auf, so z.B. die Wiederholung, Verbreiten der Botschaft von verschiedenen Ecken aus, Benutzen von gruppenspezifischem Jargon, affirmatives Auftreten, Berufen auf Experten, Übertreibung, Angst, Verschweigen. Für jede dieser Methoden werden Beispiele aus dem politischen Diskurs gebracht, um diesen zu veranschaulichen.
Panikmache und Alternativen
Eindrucksvoll bringt der Autor die Themengebiete, die als Beispiele herangezogen werden, als übersichtliche Tabelle in über dreißig Seiten. Gegenübergestellt werden gängige Meinungen zu Stichworten wie „Mindestlöhne“ oder „Leistung muss sich wieder lohnen“ und Müllers Entgegnungen und Richtigstellungen, die mit Fakten belegt sind und schließlich die Folgen der Meinungsmache. So beispielweise die Diskussion über die gesetzliche Pension. Müller sieht in der folgenden Feststellung ein Beispiel für Meinungsmache: durch die demografische Entwicklung wird die Gesellschaft immer älter, Jungen können für die Pensionen nicht mehr aufkommen. Er meint, diese Einstellung beruhe auf falschen Fakten, es wird trotz Geburtenrückgang genug Junge erwerbstätige geben, der Generationenvertrag wird auf jeden Fall halten. Vielmehr sieht er hier eine Panikmache um die Renten im Gange, die zugunsten der Privatversicherer ausfällt. Müller zufolge basiert die neoliberale Rhetorik auf dem sog. „TINA“ Prinzip, also dem Leitsatz „There is no alternative“. Es wird also verkündet, der vorgegebene Weg sei der einzig mögliche. Kritik wird mit Gegenangriff beantwortet, man lässt sich erst gar nicht auf Diskussionen ein.
Schließlich findet der Autor auch die Personen und Organisationen hinter den Meinungskampagnen, die die Medien und auch die Politik beeinflussen. Der Autor schießt sich auf die Bertelsmann Stiftung ein, Berater, Lobbyisten, Banker, PR-Strategen. Menschen, die über viel Geld und publizistische Macht verfügen, können ihre Ziele verfolgen, wenn sie das Denken der Menschen zu beeinflussen vermögen. Dabei kommt der Journalismus als Kontrollmechanismus immer mehr in die Defensive. Wirtschaftlicher Druck und Medienkonzentration machen die Arbeit der Journalisten immer schwieriger.
Fazit
Das Buch liest sich trotz der Fülle an Fakten recht flüssig. Leider fehlt in der lebhaften und geißelnden Rhetorik oft die Angabe, wer hinter „Ihnen“, den Meinungsmachern steht. Müller wird gerne polemisch und verallgemeinernd und dadurch wird die gewaltige Sammlung an überzeugenden Fakten etwas entkräftet. Als Denkanstoß und Beginn einer kritischen Auseinandersetzung mit den aktuellen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Brennpunkten in Deutschland, aber analog auch anderswo, taugt das vorliegende Werk aber allemal.
Albrecht Müller, Meinungsmache: Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen. Taschenbuch. Knaur TB, 2010, 200 Seiten, 496 Seiten, 10,30 Eur
Link: NachDenkSeiten.de
Verwandte Artikel:
Keine Kommentare »
Noch keine Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL