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6. April, 2010 | ludmila.handjiiska

Vier Jahre nach seiner Gründung ist „Okto“ mit über 100 Sendungen und mehr als 230.000 Zuschauer im Raum Wien aus der österreichischen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken. Über das Geheimnis des Erfolges des ersten partizipativen Fernsehsenders in Österreich und die Rolle eines „Community-Senders“ auf dem heimischen Fernsehmarkt, sprach der „Österreichische Medienverband“ mit der PR- und Marketing-Leiterin des Senders, Renate Billeth.

Medienjournal: „Okto“ gibt es mittlerweile seit mehr als vier Jahren. Was waren die größten Schwierigkeiten und Hürden beim Aufbau eines „Community Senders“?

Billeth: Große Schwierigkeiten gab es eigentlich nicht wirklich. Sicher war es eine Herausforderung, in so kurzer Zeit einen derartigen Sender aufzubauen und sich vor allem genau zu überlegen: Wie kann ich im einundzwanzigsten Jahrhundert einen partizipativen Fernsehsender derart gestalten, dass er auch dementsprechend zu funktionieren vermag? In Deutschland gibt es schon seit den 1980er Jahren offene Kanäle, die aber zum Teil etwas gemacht hatten, das durch das Medium Internet und Kanäle wie „YouTube“ schon längst überholt ist: Sie haben Inhalte in jeglicher Form für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bei „Okto“ war es wichtig, von den Entwicklungen in Deutschland zu lernen und von Beginn an für die Leute ein Medium zu entwickeln, das zugänglich ist und auch wahrgenommen wird. Das kann man schaffen, indem man auf Faktoren wie „Fernsehgewohnheiten des Publikums“ Rücksicht nimmt.

Medienjournal: An wen richtet sich eigentlich der Sender „Okto“? Gibt es so etwas wie den typischen „Okto“-Zuschauer?

Billeth: Das ist schwer, weil „Okto“ ein Sender ist, der keine bestimmte Zielgruppe hat, denn die Zielgruppen entwickeln sich mit den Sendungen. All die unterschiedlichen Menschen, die „Okto“ sehen, ist am ehesten gemein, dass sie sich für den „Anderen“ und das „Andere“ interessieren. Ich glaube, wenn man diese Voraussetzungen nicht mitbringt, wird man nur schwer zum „Okto“-Stammseher.

Medienjournal: Euer Programm besteht hauptsächlich aus externen Produktionen. Wie wird entschieden, welche Sendungen ausgestrahlt werden können?

Billeth: Es ist ja nicht so, dass jemand eine fertige Sendung bringt und dann erst entschieden wird, ob sie ausgestrahlt wird oder nicht. Am Anfang stehen die Idee und das Konzept für eine regelmäßige Sendung. Wir sind grundsätzlich für alles offen, soweit es sich um keine Formate handelt, die im kommerziellen Fernsehen schon zu sehen sind. Uns ist außerdem wichtig, dass die Produzenten ihre Zielgruppe kennen. Wenn aber wirklich jemand  mit einer Idee für eine Sendung kommt, die innovativ ist und man das Gefühl hat, dass es von den Rahmenbedingungen her auch passt, dann gibt es entsprechend von unserer Seite Aus- und Weiterbildungsangebote. Diese sollen die Leute für die Infrastruktur, die sie hier benutzen können, fit machen. Verpflichtend ist bei uns auch der Workshop „Medien- und Urheberrecht“, denn wir müssen gewährleisten, dass die Leute wissen, was sie im Fernsehen ausstrahlen dürfen und was nicht, schließlich haften wir als Sender für die Inhalte. Und dann steht einer Sendung eigentlich nichts mehr im Wege.

Medienjournal: „Okto“ hat auch eigene Produktionen…

Billeth: Das war auch von Anfang an eine Grundsatzentscheidung. „Okto“ wollte auch bestimmte eigene Formate, von denen man weiß, dass man diese eigentlich auch im Rahmen einer klassischen „Community Sendung“ umsetzen könnte, konzipieren. Ein Beispiel dafür ist „Oktoskop“. Die Idee dahinter war, den Bereich „Filmdiskurs und Filmvermittlung“ im Fernsehen zu fördern und eine Sendung zu produzieren, die jeden Sonntag um 20 Uhr Filme, die keine Blockbuster sind, zeigt, sondern wirklich anspruchsvolle Filme aus den unterschiedlichsten Genres zur Geltung kommen lässt. Dieses Format kommt sehr gut an. Mittlerweile kontaktieren uns alle namhaften österreichischen Film-Festivals und bieten uns Kooperationen an.

Medienjournal: Wie finanziert sich „Okto“? Gibt es Möglichkeiten, bei eurem Sender Werbung zu schalten?

Billeth: Der Sender selbst soll als nicht kommerziell gelten, aber rein rechtlich gilt er als Privatfernsehen. Was unsere Finanzierung anbelangt, kommt der Hauptanteil von der Stadt Wien. Zusätzlich erhalten wir Mittel vom Bund. Darüber hinaus nehmen wir etwas Geld aus dem Aus- und Weiterbildungsbetrieb – also den Workshops, die wir anbieten – ein, die ja mit einem nicht kostendeckenden, symbolischen Preis behaftet sind. Die Vermittlung von Medienkompetenz ist ein Kernauftrag bei uns und in diesen muss einfach investieren werden. Grundsätzlich wäre Werbung in jeder Form erlaubt. Es war aber gleichzeitig auch eine Grundsatzentscheidung, dass wir keine Werbeeinschaltungen haben wollen. Wir ermöglichen allerdings den Produzenten, bei uns Patronanzen zu kaufen, damit sie ihre laufenden Kosten bei der Produktion abdecken können.

Medienjournal: Welche Rolle spielt „Okto“ auf dem österreichischen Mediensektor?

Billeth: „Okto“ spielt heute eigentlich eine viel bedeutendere Rolle als man uns noch vor fünf Jahren zugetraut hätte. Wir haben damals gut vorbereitet mit etwa 40 regelmäßigen Sendungen begonnen – und dann sind die Kritiken sehr schnell verstummt. Alle, die sich unseren Sender damals angesehen haben, haben festgestellt, dass das Konzept tatsächlich funktioniert. Sie haben gesehen, dass die Leute den Sender dazu nutzen wollen, langfristig eine Sendung zu produzieren. Das Medienecho ist – gemessen an unserer Größe – enorm positiv. Wir haben heute über 100 Sendungen, die regelmäßig produziert werden. Auf der Zuschauerseite hat unser Seherkreis den beachtlichen Wert von etwa 230.000 Zuschauern erreicht. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass unsere technische Reichweite bei etwa 1,1 Million liegt.

Medienjournal: Mit welchen Problemen haben Freie Medien in Österreich generell zu kämpfen?

Billeth: „Okto“ als Medium hat keine so unbewältigbaren Probleme. Natürlich wünschen wir uns ein Mehr an finanziellen Mitteln, doch liegt die Grundidee von „Okto“ nicht im Produzieren von kommerziell trächtigen Sendungen. Dwafür gibt es andere Sender. Das Konzept eines „Community-Fernsehens“ ist ein anderes: Wir wollen medialen Raum schaffen, Artikulationsmöglichkeiten zur Verfügung stellen und den Leuten dadurch eine Plattform bieten, in der sie ihre Sicht der Dinge und ihre Lebenswelt mit professionellen Mitteln medial kommunizieren können. Gleichzeitig wollen wir damit aber auch eine breite Öffentlichkeit erreichen. Das ist sicherlich ein Bereich, in dem du als freies Medium mit engem Budget in den Möglichkeiten beschränkt bist.

Medienjournal: Was wünscht sich „Okto“  vom „Österreichischen Medienverband“?

Billeth: Wir wünschen uns, dass er sich als Plattform etabliert, über die sich einzelne Medien austauschen können und natürlich auch, dass er den öffentlichen Diskurs zum Thema „Freie Medien“ weiterhin fördert.

Links:

Okto

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