
Frank Schirrmachers Buch „Payback“ stellt sich die Frage: „Beherrschen wir die Computer, oder beherrschen die Computer uns?“ Trotz des starken Untertitels Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen darf man sich vom Autor keine Lösung erwarten.
Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber und Feuilletonist, teilt sein Buch „Payback“ in zwei Teile ein: 1. Warum wir tun, was wir nicht tun wollen und 2. Wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen können. Das Buch, welches zwischen Status Quo-Beschreibung und Angstschüren pendelt, beginnt mit dem Kapitel: „Mein Kopf kommt nicht mehr mit“, welches auch den Inhalt des Buches vorwegnimmt: Tagtäglich müssen wir eine Masse an Informationen screenen und aus dieser Flut die relevanteste Meldung auswählen. Die digitale Überforderung unseres Geistes ist die Folge. Jedes Handyklingeln versetzt uns in Alarmbereitschaft – wir müssen die Information sofort abrufen, um keine Zeit zu verlieren. Nach dem Motto: „In unserer Gesellschaft überlebt nicht mehr, wie es – früher ebenso falsch – hieß, der ‚Tüchtigste‘; sondern der Bestinformierte.“ (S. 121)
Computerhirn
Mit der Frage „Wo fängt der Computer an, wo hört das Hirn auf?“ nähert sich Schirrmacher der zentralen Frage, ob ein Leben ohne Computer oder Internet überhaupt noch möglich ist. Denn in allen Lebensbelangen helfen uns ein paar Klicks weiter. Längst ist es keine Orwell’sche Utopie mehr, dass im Internet ein vollständiges Profil von uns existiert: Das gewollt und bewusst öffentlich gemachte auf Social Network-Sites; und das ungewollte, welches sich aus unseren Klicks und Suchvorgängen zusammenstellt. Das semantische Web speichert unsere Eingaben und bietet uns vielleicht schon morgen beim Einloggen das Rezept für unser Lieblingsgericht an.
Die Verteufelung der computerisierten Welt und des digitalen Zeitalters lässt sich in diesem Buch aber nicht erkennen. Vielmehr weist Schirrmacher auf die bevorstehenden und schon eingetretenen Veränderungen unseres Denkenapparats hin. Dass SMS, Feeds, E-Mails, Tweets, Websites schlecht für unsere Konzentrations- und Merkfähigkeit sind, ist keine neue Erkenntnis. Allerdings führt der Autor zahlreiche psychologische und neurobiologische Studien und Experimente an, die Belege für die tatsächliche Brisanz des Themas liefern.
Mythos Multitasking
Multitasking bedeutet bei Schirrmacher nicht die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig zu tun, sondern den Zwang, diese auszuführen. „Menschen verlieren buchstäblich all das, was sie von Computern unterscheidet – Kreativität, Flexibilität und Spontaneität.“ (S. 69) Untersuchungen zeigten: Je intensiver Multitasking betrieben wird, desto weniger können Menschen auswählen, was sie sich merken und desto größer wird die Zerstreutheit. Dabei sinken die Schnelligkeit ihrer Tätigkeiten und ihre Denkleistung. Im Prinzip ist der Multitasker ständig abgelenkt und muss seine Gedanken fortwährend wieder fokussieren und kontrollieren. „Ein ständiger Zwang, wählen zu müssen zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen, höhlt uns schon nach kurzer Zeit buchstäblich aus und führt dazu, dass wir den Autopiloten im Gehirn einschalten.“ (S. 163) Der Preis, den wir für diese fortwährende Informationssuche zahlen, ist laut Schirrmacher hoch: Die „Ich-Erschöpfung“. Wir sind gezwungen, die wichtigste Information auszuwählen, doch der Gedanke an nicht erhaltene Botschaften löst die Erschöpfung des eigenen Geists aus. Dabei werden wir bald nicht mehr in der Lage sein, Informationen in einen logischen Zusammenhang zu überführen. Ob das die beschriebene Rache oder Heimzahlung (=Payback) der Computer ist, bleibt unklar.
Im Jahr 2007 produzierte ein US-amerikanischer Anthropologe der Kansas State University, Michael Welsch, ein 5-minütiges Video mit seinen StudentInnen. In A Vision of Students Today hielten die StudentInnen Tafeln hoch, auf denen sie mit kurzen Statements ihre Zukunft beschrieben. Die digital natives zeigten ihre Aussichten zum Social Web. Eine Studentin meinte: „I will read 8 books this year, 2300 web pages & 1281 Facebook profiles.” Zwei Tafeln bleiben dabei besonders im Gedächtnis: „I did not create the problems“ – „But they are MY Problems“.
Wie auch immer die Digitalisierung weitergeht, wie sehr wir selbst dadurch belastet werden, Schirrmachers Buch bietet uns keine Lösung für diese Probleme. Die einfachste Möglichkeit der Informationsflut durch das Internet zu entgehen, ist noch immer den Stecker zu ziehen.
Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. Blessing Verlag München, 2009, 240 Seiten, 17,95 Euro
Links:
- A Vision of Students Today http://www.youtube.com/watch?v=dGCJ46vyR9o
- Wired Science http://www.wired.com/wiredscience/2009/09/googlefoodwebs/
- Nicholas Carr: Is Google Making Us Stupid? http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2008/07/is-google-making-us-stupid/6868/
- Staying Sharp: Help! I’ve Lost My Focus http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1147199-1,00.html
- Top 25 Social Network Sites http://www.trendsderzukunft.de/top-25-social-networking-sites/2009/04/07/
Foto: Laura Sabetzer
Keine Kommentare »
Noch keine Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL