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30. Juni, 2010 | dominik.meisinger


Nicht direkt vermittelbar, uninteressant, zu weit weg – mit Vorurteilen dieser Art werden Themen, welche die Europäische Union betreffen, oftmals als untauglich für heimische Medien eingestuft. Ein derzeit in den oberösterreichischen Freien Radios laufendes Gemeinschaftsprojekt verfolgt nun einen anderen Ansatz.

„Connecting Systems“, gemeinsam umgesetzt von Freies Radio Freistadt, Radio FRO (Linz) und Freies Radio Salzkammergut, versucht, Akteure der Zivilgesellschaft, ExpertInnen und EU-Parlamentarier zusammen zu bringen – um auf diese Art und Weise herauszuarbeiten, was im Europäischen Parlament geschieht und wo die Bezüge zur lokalen Ebene in Oberösterreich liegen. Dazu werden im Rahmen des Projekts Radiomagazine, Podiumsdiskussionen und Expertengespräche abgehalten, die jeden ersten Donnerstag im Monat auf den drei Sendern ausgestrahlt werden. Das Medienjournal sprach mit „Connecting Systems“-Projektleiter Martin Lasinger vom Freien Radio Freistadt.

Medienjournal: Welches Ziel verfolgt „Connecting Systems“?

Lasinger: Wir wollen mit dem Projekt die Ebenen der europäischen und der lokalen Politik zueinander in Beziehung setzen. Wobei die Akteure unserer Auffassung nach nicht nur Berufspolitikerinnen, sondern alle jene sind, die Anteil an den Fragen des Zusammenlebens in Europa nehmen.

Medienjournal: Wie kam es dazu, dass dieses Projekt als Gemeinschaftsprojekt der drei Freien Radios in Oberösterreich  realisiert wurde?

Lasinger: Wir sind ein Regionalradio auf dem Land, da sind die personellen Ressourcen auf jeden Fall kleiner als in einer Universitätsstadt. Die Menschen, die Radio machen wollen, sind mit ihren eigenen Sendungen vielfach ausgelastet, da bleibt kaum Zeit für journalistische Auftragsarbeiten. Deshalb haben wir befreundete Radios eingeladen, unsere Projektidee mit uns gemeinsam umzusetzen.

Allerdings werden die Sendungen nicht nur auf diesen drei Sendern, sondern meines Wissens auch in Kirchdorf im Radio B138, in Tirol, Vorarlberg und Niederösterreich ausgestrahlt. Über das Cultural Broadcasting Archive der Freien Radios sind solche Sendungsübernahmen ja einfach möglich und absolut erwünscht.

Medienjournal: In der Projektbeschreibung steht: “Connecting Systems möchte diese Organisationen (zivilgesellschaftliche Gruppen in Oberösterreich, Anm. d. Red.) stärker mit AkteurInnen der Europapolitik vernetzen und besonders die Arbeit des Europäischen Parlaments einer breiten Öffentlichkeit vermitteln.” Inwiefern passiert das bei diesem Projekt?

Lasinger: Damit sind im zitierten Text zivilgesellschaftliche Gruppen angesprochen, die bei den Freien Radios Sendungen machen – Gruppen wie Freifunk-Initiativen, attac, Kernkraftgegner, Friedensinitiativen, Gruppen, die sich für eine Energiewende stark machen, Menschenrechtsaktivisten und viele andere. Wir legen ein Thema fest, suchen uns jene Mitglieder des Europäischen Parlaments (MEP), die in dem Bereich ihr Arbeitsfeld haben, und bringen sie mit den Menschen zusammen, die hier ebenfalls differenzierte Standpunkte haben. Im Format „Radiogespräch“ passiert das direkt, häufig auch öffentlich, im Format „Magazin“ werden die Positionen in klassischer redaktioneller Arbeit einander gegenüber gestellt.

Medienjournal: Das Projekt läuft ja bereits seit Jänner dieses Jahres. Wie zufrieden sind Sie bislang mit dem Verlauf?

Lasinger: Ich bin überrascht von dem Interesse, das die beiden Seiten, die wir „connecten“ wollen, dem Projekt entgegenbringen. Die Sendungen sind in ihrer Gestaltung sehr unterschiedlich, weil die behandelten Themen auch sehr verschieden sind in der Breite, in der sie diskutiert werden müssen und in ihrer Komplexität. Jedenfalls zeigt der Projektverlauf mir deutlich, dass reine Berichterstattung hier oft zu kurz greift oder zumindest großes Vorwissen voraussetzt.

Medienjournal: Oft wird ja bemängelt, der öffentlich-rechtliche Rundfunk würde EU-Themen oftmals außen vor lassen und sich mit Verweis auf Quotengründe auf nationale politische Themen fokussieren. Müssen die Freien Radios hier für Versäumnisse des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einspringen?

Lasinger: Ganz allgemein denke ich: Ja, die Freien Radios müssen für Versäumnisse der anderen Medien einspringen. Andersherum könnte man aber auch sagen, dass wir das, was andere machen, nicht nochmal machen müssen. Ich würde die Themen, mit denen wir uns beschäftigen, nicht als „EU-Themen“ bezeichnen. Wir berichten ja nicht von einzelnen Vorgängen im EU-Parlament, sondern versuchen, das in größerer Breite zu bearbeiten. Und da sind wir einzelnen Menschen eben vielfach betroffen von Entwicklungen, die auf EU-Ebene genauso verhandelt werden oder verhandelt werden sollten wie auf nationaler und regionaler Ebene.

Medienjournal: Das Projekt wird vom EU-Parlament finanziert, gleichzeitig soll es die Arbeit von diesem untersuchen. Wie geht ihr damit um, dass dabei die journalistische Unabhängigkeit gewahrt wird?

Lasinger: Das Projekt wird nicht ausschließlich vom EU-Parlament finanziert, sondern mitfinanziert, darauf legen wir großen Wert. Und diese Tatsache ermöglicht es uns, dass wir ohne schlechtes Gewissen auch kritischen Stimmen Gehör verschaffen. Das EU-Parlament versteht sich ja selbst als Ort, wo kontrovers diskutiert wird und auch im EU-Parlament sitzen etliche Personen, die dem Parlament selbst gegenüber äußerst kritisch eingestellt sind. Es dürfte direkt schwer fallen, Standpunkte zu finden, die keinen einzigen Unterstützer im EP haben.

Die nächste „Connecting Systems“-Sendung wird am Donnerstag, den 1. Juli 2010 auf Radio FRO, Freies Radio Freistadt und Freies Radio Salzkammergut ausgestrahlt, alle bisherigen Sendungen gibt es auf  www.connectingsystems.at als Podcast.


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