
Welche Möglichkeiten bietet das Internet? Wie kann journalistische Qualität aufrechterhalten werden? Wie muss sich Journalismus verändern, um in Zukunft zu bestehen? In Zeiten medialer Umbrüche und wirtschaftlicher Krisen stellen sich namhafte Journalisten die Frage nach der Zukunft des Journalismus. Eine Textsammlung von sueddeutsche.de sucht Antworten.
Das Buch zum Thema „Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert“, herausgegeben von Stephan Weichert, Leif Kramp und Hans-Jürgen Jakobs, sucht Antworten auf die Frage, wozu sich Journalisten überhaupt noch die Mühe machen zu recherchieren, schreiben und redigieren, wenn es sich doch Laien im Web so einfach machen. Journalisten, Publizisten, Wissenschaftler und Blogger diskutieren in dem Buch über den Wandel des Journalismus, die Zeitungskrise und die Allmacht des Internets. Dabei untersuchen sie nicht nur die medienpolitischen Rahmenbedingungen, sondern auch die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen die den Journalismusberuf zu gefährden scheinen.
Watchdogs und Welterklärer
Die prominenten Autoren, von Zeitungsjournalisten über Nachrichtenmoderatoren bis hin zu Bloggern wie Sascha Lobo, finden die üblichen Antworten: Journalisten sind wichtig für die Demokratie eines Staates, weil sie als “Vierte Gewalt”, als watchdogs der Mächtigen, Intrigen, Skandale und Vertuschungen aufdecken können. Sie sind die Spürhunde nach Faulem und Verdächtigem. Außerdem sind sie die Informanten der Gesellschaft, die Erklärer des Weltgeschehens und die Agenten der Bevölkerungsmeinung. Des Weiteren hat das neue Medium Internet großes Potential Nachrichten global zu verbreiten. Hinweise auf die Kraft des Internets, zum Beispiel die rasante Verbreitung von Bildern und Informationen der Wahlproteste im Iran via Twitter, finden sich zahlreich im Buch. Peter Glaser schreibt: „Journalismus ist die zivilisierteste Form von Widerstand. So groß kann keine Krise sein, dass er verschwände“ (S. 178). Dass mit den demokratiepolitischen Vorteilen auch Nachteile durch das weltumspannende Netz einhergehen, wird durch den im Internet verbreiteten Schund und den Unwahrheiten augenscheinlich. Jeder kann im Internet publizieren, damit bietet das Web 2.0 sowohl neue Möglichkeiten zur Verbreitung von richtigen – aber auch falschen Informationen. Doch das Internet zerstört den klassischen Journalismus nicht, es bietet ihm neue Chancen – so sehen es zumindest ein Großteil der Autoren. Sascha Lobo beispielsweise meint: „Soziale Medien können und müssen eine Ergänzung und Bereicherung für den Journalismus sein – aber kein Ersatz“ (S .115).
Abwärtsspirale
Damit verbunden steht auch die Frage nach der Qualität des Journalismus. In der Wirtschaftskrise, die, ausgehend von den USA auch eine Zeitungskrise hervorgerufen hat, sinkt mit den Einsparungen auch die Qualität der Zeitungen. Harald Martensteiner etwa schreibt in seinem Beitrag: „…ein Produkt, das unter starkem Konkurrenzdruck steht und dabei auch noch an Qualität verliert, befindet sich auf dem Markt wohl in einer fast ausweglosen Lage, in einer Abwärtsspirale“ (S .119). Doch auch diese Erklärung haben wir schon hunderte Male gehört. Man kann nicht bei weniger Hühnern auf mehr Eier hoffen. Leider rennt das Buch bei Journalisten offene Türen ein und stößt bei den Verantwortlichen auf taube Ohren.
Worauf die Medienmacher zurzeit setzen, ist eine Konvergenz von Internet, Fernsehen und Print- bzw. Onlinejournalismus. Journalisten sollen recherchieren, schreiben, redigieren, den Artikel online stellen, bloggen, Fotos machen und wenn möglich einen Videobeitrag verfassen. Doch der Journalist kann nicht durch Einsparungen zur eierlegenden Wollmilchsau werden. So wie das Radio und das Fernsehen nicht die Zeitung verdrängt haben, so wird auch das Internet es nicht schaffen (siehe Riepl’sches Gesetz).
Wer fürchtet sich vorm Internet?
Statt über die Alltagsprobleme und Zukunftsaussichten den Journalismus zu reflektieren, sollten die Medienmacher besser die Ärmel aufkrempeln und das Internet akzeptieren, als das was es ist – ein neues, zusätzliches Medium. Der Slogan soll „back to the roots“ lauten, nicht „Hilfe, dass böse Internet verdrängt uns“. Die Medienmacher müssen auf die Qualität des Journalismus vertrauen und sich dessen ursprünglichen Idee besinnen: Umfassende Information und Unterhaltung.
Die Stärken des Buchs liegen in der Auswahl der Autoren und deren interessant geschriebenen Texten. Die Autoren wissen wovon sie schreiben, können Erfahrungsberichte vorlegen und Zukunftsperspektiven entwerfen. Der Neuigkeitswert der Texte ist allerdings fraglich. Zu oft hat man die Vorteile von Journalismus gehört, zu häufig wird das Verhältnis Internet und Journalismusberuf diskutiert. Das Buch ist von Journalisten für Journalisten. Denn für uns Publizisten bestätigt es „was wir eh schon immer wussten“ – die es nicht wussten, bekommen das Buch ohnehin nie zu Gesicht. Bei den vielen Antworten auf die Eingangsfrage bleibt für den journalismusinteressierten Leser die Frage: Wozu noch dieses Buch?
Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert. Taschenbuch. sueddteusche.de Vandhoeck & Ruprecht, 2010, 200 Seiten, 17,90 Euro.
| Autoren: Stefan Niggemeier, Michael Jürgs, Jakob Augstein, Volker Lilienthal, Hans-Peter Siebenhaar, Stephan Ruß-Mohl, Manfred Bissinger, Hans-Ulrich Jörges, Ernst Elitz, Roger Boyes, Sonia Mikich, Marietta Slomka, Jörg Sadrozinski, Peter Glaser, Harald Martenstein, Thomas Krüger, Sascha Lobo, Maybrit Illner, Hans Leyendecker, Frank A. Meyer, Axel Ganz, Heribert Prantl, Anja Reschke, Wolfgang Blau, Dirk von Gehlen, Thomas Leif, Christian Meier, Peter Littger und Lukas Kircher |
| Herausgeber: Stephan Weichert, geb. 1973, ist Professor für Journalistik und Studiengangleiter an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg. Leif Kramp, geb. 1980, ist Journalist, Medien- und Kommunikationswissenschaftler und arbeitet als Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation. Hans-Jürgen Jakobs, geb. 1956, ist seit 2007 Chefredakteur des Online-Portals sueddeutsche.de. Davor war er Redakteur bei Der Spiegel und Leiter des Medienressorts der Süddeutschen Zeitung. |
Links:
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Foto: Laura Sabetzer
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