
Nicht erst seit dem Irakkrieg oder der Invasion in Afghanistan spielen die US-amerikanischen Massenmedien als Regierungsorgan eine Rolle. Der Krieg gegen den Terror und die Rolle der USA als „Weltpolizei“ werden von Massenmedien propagiert. Mit „Media Control“ schuf Noam Chomsky ein Standardwerk über die Manipulation der Medien.
„Propaganda is to a democracy what the bludgeon is to a totalitarian state.”, meinte Chomsky und sprach damit die Macht der Agitation an. „Media Control“ wurde 1989 verfasst und klärte bereits damals über die Propagandawirkung der Massenmedien auf. Spannend ist hauptsächlich die Einleitung mit den Teilen „Über den ‚Krieg gegen den Terrorismus’. Bericht eines Journalisten vom Mars“ und „Über die spektakulären Erfolge der Propaganda“. Der erste Teil wurde 2002 verfasst, der Rest des Buches stammt aus Vorlesungen, die Chomsky 1988 gehalten hat.
Nun, das Buch wirkt für den modernen Leser etwas trocken und veraltet. Doch bei näherer Betrachtung erkennt man dessen Aktualität und die Basisarbeit Chomskys, auf der spätere Autoren aufbauen konnten. Medienkritik gab es zwar seit dem Aufkommen der Massenmedien Film und Radio, doch mit dem Fernsehen erreichten Informationen in kurzer Zeit den Großteil der US-amerikanischen Haushalte, weshalb Kritiker noch mehr Zündstoff bekamen. Ende der 1980er Jahre war Chomskys Medienkritik durch zahlreiche Kriege und Krisen angefacht worden. Der Vietnamkrieg und der Kalte Krieg bestimmten die amerikanische Medienberichterstattung. Hier setzte Chomsky mit seiner Kritik an der Manipulation durch Massenmedien an.
Amerikanische Propaganda
„Gute Propaganda erfindet einen Slogan, dem alle zustimmen können, ohne wissen zu müssen, was er bedeutet, weil er nämlich nichts bedeutet.“ (S. 35) Allein mit dem Gedanken an Wahlplakate heimischer Parteien kann man dieser Aussage nur zustimmen.
Wie die Medien in den USA als Propaganda-Agenten der Regierung agieren und wie eng das Netz aus Politik, Wirtschaft und Medien gespannt ist, wird mit zahlreichen Beispielen belegt. Am besten ließe sich, laut Chomsky, eine solche Propaganda über große Konzernmonopole organisieren, da sie im Wesentlichen identische Anschauungen vertreten, und Vielfalt und Unübersichtlichkeit das Propagandageschäft stören würden. Ein totalitärer Staat muss auf die Meinungen der Menschen keine Rücksicht nehmen, aber „in einer demokratischen Ordnung lauert immer die Gefahr, dass unabhängiges Denken in politisches Handeln umgesetzt wird, und diese Bedrohung muss schon an der Wurzel bekämpft werden.“ (S. 103)
Vom Ersten Weltkrieg bis zum Irakkrieg propagieren amerikanische Medien im Sinne der Regierung. Das begann bereits 1917 mit der Creel-Kommission (oder Committee on Public Information). Diese Kommission war ein Propagandainstrument der US-Regierung unter Woodrow Wilson, welches die Bevölkerung psychologisch auf den Ersten Weltkrieg einstimmen sollte. Darin liegt laut Chomsky das Potential der amerikanischen Propagandamaschinerie: Die Öffentlichkeit von Ereignissen informieren und sie überzeugen zuzustimmen, obwohl sie das ursprünglich nicht wollten.
Krieg für die Demokratie
Chomsky vermutet dahinter den speziellen Demokratiebegriff der USA, der eingeschränkt ist. Es gibt Meinungsmacher (in seinem Beispiel die regierungstreuen Massenmedien), die ihre Anschauungen verbreiten. Dabei haben die USA die besondern Drang, ihren Demokratiebegriff zu verbreiten. „Das Verlangen, eine Demokratie amerikanischen Stils in der ganzen Welt verbreitet zu sehen, ist schon immer das Leitmotiv der US-Außenpolitik gewesen“ (S. 105), zitiert Chomsky etwa einen Auslandskorrespondenten der New York Times. Staaten, die von den USA angegriffen würden, hätten kein Recht sich zu verteidigen, wohingegen die Vereinigten Staaten anderen Ländern ihren Willen notfalls auch mit Gewalt aufzwingen dürften. „Demzufolge ist es auch kein Widerspruch, wenn wir Demokratie und Unabhängigkeit für Südvietnam verlangen und dabei das Land zerstören, um zuerst die Nationale Befreiungsfront und dann die politisch organisierten Buddhisten auslöschen, bevor wir ‚freie Wahlen’ abhalten lassen.“ (S. 147) Setzt man in diesen Satz die Wörter Afghanistan und Taliban ein, hat er auch für die Situation im Jahr 2001 Gültigkeit.
Am Ende bleibt wohl eine Erkenntnis: Obwohl Chomsky die Manipulation der US-Medien anhand Beispielen aus den 1970er und 1980er Jahren belegt, hat das Buch trotzdem aktuelle Relevanz. Denn es zeigt, dass sich kaum etwas in dieser Medienlandschaft verändert hat. Es liegt am Ermessen jedes Einzelnen Nachrichten zu überdenken oder zu hinterfragen – schließlich macht uns das zu mündigen Bürgern.
Media Control. Wie die Medien uns manipulieren. Taschenbuch. 4. Auflage. Piper München, 2010, 256 Seiten, 10,30 Euro.
| Der Autor: Noam Chomsky, 1928 geboren, ist Professor für Linguistik am MIT. Er gilt als einer der meist zitierten Autoren. Ab den 1960er Jahre wurde der linke Intellektuelle politisch und ist seit dem Vietnamkrieg als scharfer Kritiker der US-amerikanischen Außen- und Wirtschaftspolitik weltweit bekannt. Er entwickelte die Chomsky-Hierarchie (oder Chomsky-Schützenberger-Hierarchie). |
- Noam Chomsky (Offizielle Website)
- Early History of Propaganda (Noam Chomsky)
- The Commitee of Public Information (Creel Commission)
- Propaganda Posters First World War (Georgetown University.edu)
- Propaganda Posters First World War (Learnnc.org)
- Propaganda Posters Second World War (Guidespot.com)
Foto: Laura Sabetzer
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