
Die Evolver-Herausgeber zur finanziellen Situation ihres alternativen Mediums, warum sie lieber auf Förderungen verzichten und warum sie nie “die Goschn halten” werden. (Teil 2 des Evolver-Interviews)
Medienjournal: Wie viele Autoren schreiben momentan mit?
Hiess: Momentan sind es ca. 20, die relativ fix mitschreiben. Und ein paar, die sporadisch mitschreiben. Immerhin gibt es auch Leute, die vom Schreiben leben müssen. Viele Talente haben wir beim Evolver entdeckt. Manche schreiben uns an und möchten beim Evolver mitarbeiten. Die werden schließlich erbarmungslos geprüft. Wir geben ihnen dann auch Feedback auf ihre Arbeiten und so bilden wir Journalisten heran, die dann auch von der Print-Branche leben können – vom Journalismus eben.
Hübner: Die, die jetzt davon leben, müssen nicht zwingend die besten sein, aber jedenfalls talentierte Leute, die nicht aufgehört haben, das Schreiben zu üben. Damit haben sie sich schließlich durchgesetzt und ein gutes Einkommen erarbeitet.
Hiess: Nach meiner Erfahrung stimmt es, dass es um 50 Prozent Talent und 50 Prozent Routine und ständiges Arbeiten geht. Wenn man nicht daran arbeitet, bringt das ganze Talent nichts. Andererseits kann man sich auch mit Routine und Handwerk durchschummeln, ganz ohne Talent, das sieht man, wenn man heute die Zeitung aufschlägt.
Medienjournal: Zu den ökonomischen Faktoren des EVOLVER: Wie finanziert ihr euch?
Hiess: Von Anfang an durch gnadenlose Selbstausbeutung. Wir haben die Brotjobs, von denen wir leben und die den Server für den Evolver zahlen. Anfangs haben wir eine Firma gegründet – mit dem Namen Endlos-Produktion. Wir haben versucht über diese Firma Aufträge heranzuschaffen, die den Evolver stützen bzw. finanzieren sollten. Aber wir hatten einen „Piefke“ als Firmenpartner. Mehr brauch ich nicht dazu sagen – es hat furchtbar enden müssen (lacht).
Medienjournal: Was ist mit Förderungen? War das für den EVOLVER nie interessant?
Hübner: Ich persönlich stehe in relativ starker Opposition zum Förderungssystem. Ich finde, das schafft eine Kultur des Mittelmaßes, wie man ja am ORF sieht, wo unteres Mittelmaß zum Qualitätsstandard erhoben wird, damit die dort nepotistisch in Führungspositionen arrivierten Nichtskönner weniger auffallen. Außerdem muss Kunst- und Kulturschaffen eine soziale, ökonomische und künstlerische Relevanz haben, um nicht am Publikum vorbeizulaufen und somit null und nichtig zu werden. Wenn man außerdem eine Förderung kriegt, dann muss man sich rechtfertigen für das, was man tut – bei Beamten und Politikern.
Medienjournal: Doch gerade im Internet hat sich eine freie, alternative Medienlandschaft aufgebaut. Viele dieser Medien wären schon froh darüber, etwas Geld zur Verfügung zu haben – alleine um Serverkosten, Equipment zu zahlen.
Hiess: Um Förderungen in Österreich zu bekommen ist es notwendig, Sachen zu machen, die den Förderungsgebern gefallen. Das heißt Migrantenthemen, Genderthemen oder die x-te Holocaust-Aufarbeitung, das hat den Evolver nie interessiert.
Hübner: Und diese politisch korrekten Gutmenschen-Journalisten waren immer unsere erklärten Feinde, weil das für uns Leute waren, die sich selbst in die Faust lügen. Wir haben keine Lust auf Beschönigung. Wir wollen einfach unserem Wahrheitsbegriff Ausdruck verleihen.
Medienjournal: EVOLVER FILMS und EVOLVER BOOKS? Was ist das?
Hübner: EVOLVER FILMS ist ein Link vom EVOLVER zur Website meiner Filmproduktionsgruppe, die 2011 in die EVOLVER-Franchise integriert wird. EVOLVER war ja immer schon auch ein Multimediaprojekt. Wir haben in den 90ern auch interaktive Kunst und Mulitmedia-CDs gemacht.
Hiess: Zu Evolver Books: Ich wollte schon immer Bücher bzw. einen Verlag machen. Mit Robert Draxler, der als r.evolver den Fortsetzungskrimi „The Nazi Island Mystery“ – unser erstes EVOLVER BOOK – geschrieben hat, mach ich das jetzt. Und das kostet natürlich wieder unglaublich viel Zeit und Geld und ist unglaublich schön.
Hübner: Und es ist auch vernünftig. Letzten Endes werden Bücher die einzigen Printprodukte sein, die überbleiben. Zeitschriften wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Bücher schon, weil die Bücherwürmer halt unbelehrbarer sind und viele Leute gerne Bücherregale haben, in denen Bücher stehen. Ich gehöre da nicht dazu.
Medienjournal: Aber das ist schon etwas pessimistisch, oder?
Hübner: Nein, wieso? Das ist super.
Hiess: Das ist meine große Hoffnung. Es wird keine Zeitschriften mehr geben, aber Fachmagazine. Bei normalen Zeitungen und Zeitschriften gehen die Verkaufszahlen und Inserate extrem runter. Aber die der Gartenzeitschriften oder Modelleisenbahnzeitschriften gehen rauf. Das ist kein Wunder, weil die Propaganda und die Lügen will sich niemand mehr vorsetzen lassen. Das gibt es ohnehin kostenlos auf dreißig Sendern im Fernsehen.
Medienjournal: Das heißt zusammengefasst, es wird eher in Richtung Spartenmedien gehen, eurer Meinung nach, oder zu Spezialmedien?
Hübner: Das zukünftige Medium zu spezifischen Nachrichten wird wahrscheinlich der Blog werden. Es kristallisieren sich immer mehr Blogs zu ganz speziellen Themen heraus, die wirklich am Drücker sind. Da sind Spezialisten am Werk, die sich aus persönlicher Affinität mit einem Thema auseinandersetzen und diese Informationen dann weiterverbreiten. Ob das dann später in Blogform sein wird, ist eine andere Frage.
Hiess: Aber die meisten Medienkonsumenten haben mittlerweile begriffen, dass der Journalismus in der Form wie er heute existiert, nicht mehr existieren wird. Wenn die Leute die Zeitung aufschlagen, bekommen sie Propaganda vorgesetzt.
Hübner: Aber abgesehen davon ist es ja auch gut, wenn einmal Schluss ist mit dieser ganzen Baum- und Papierverwursterei. Man kann das doch alles längst elektronisch besser machen.
Medienjournal: Demnach hattet ihr noch keine rechtlichten Probleme durch Klagen etc.?
Hiess: Doch, wie der Pater Michael Hass, das ist eine von meinen Identitäten, eine Kolumne gegen die Arena geschrieben hat. Und da ist sofort die Arena-Jugend aufmarschiert wie damals die Hitlerjugend und hat irrsinnig böse gepostet, Kommentare geschrieben und sogar mit Anzeigen gedroht …
Medienjournal: Es war also keine Anzeige, sondern nur eine Drohung? Oder gab es noch größere Probleme?
Hiess: Also, wir haben schon Leute gehabt, die uns gedroht haben. Aber sonst war rechtlich nie etwas. Einmal hat jemand geschrieben, dass wir ein Bild verwendet haben, das wir rechtlich nicht verwenden durften, das haben wir dann halt rausgenommen. Sonst war nichts, Gott sei Dank.
Hübner: Nein. Leider. Sonst wären wir jetzt viel größer. Weil das hätten wir gleich überall plakatiert, wenn uns jemand angeklagt hätte. Wenn uns jemand vor Gericht brächte wegen etwas, das im EVOLVER steht, wäre das die beste Werbung, die man sich vorstellen kann.
Hiess: Jemand der mir sagt, das darfst du nicht sagen, weckt in mir automatisch den großen Widerspruchsgeist. Das war das, was die Evolver-Autoren und –Macher immer ausgezeichnet hat: Das wir goschert sind und nicht die Goschn halten können. Wenn uns jemand gesagt hat, dass muss man bitte so und so sehen. Nix muss man. Es ist der pure Faschismus. Sie schreiben uns vor, wie wir sprechen, wie wir schreiben, wir denken sollen.
Hübner: Wir kämpfen gegen jede Form der Diktatur. Egal, aus welcher Richtung die kommt. Die kommen sowieso aus jeder Richtung.
Zu Teil 1 des Evolver-Interviews
Link: Evolver
(Interview von Laura Sabetzer und Victoria Zedlacher)
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