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ZIB 21 Screenshot
Viele Printjournalisten pflegen einen skeptischen Umgang mit dem Web 2.0, doch es gibt auch jene, die sich aus dem virtuellen Fenster lehnen, um Blogger zu werden. Ihr Leistungsspektrum reicht weit über die klassischen Arbeitsmethoden hinaus, da im Web andere Regeln herrschen. Hypertexte, Interaktivität oder Multimedialität sind nur einige der Herausforderungen.

Dieser Mehraufwand entlohnt jedoch mit vielen neuen Chancen. Allein die aktive Verlinkung in den Weblogs lässt ein eigenes Diskursuniversum entstehen und es ist kaum vorstellbar, dass der Dialog mit dem Zeitungsleser noch bis vor kurzem nur per Post möglich war. Immer mehr Journalisten erkennen das Potenzial der Online-Kommunikation und nutzen es für ihre Arbeit.  Das Medienjournal sprach mit den beiden Journalisten Eberhard Lauth und Manfred Sax über ihr gemeinsames Blog-Portal ZIB21.com (Zeit im Blog, live aus dem 21. Jh.) und fragte nach ihren Beweggründen, den Vorzügen des Bloggens und Finanzierungsmodellen.

Medienjournal: Wie und warum wurde ZIB21.com gegründet?

Lauth: Ich kenne Manfred schon seit ca. zehn Jahren. Wir haben gemeinsam für die Zeitschrift Wiener gearbeitet. Nach 2006 haben wir beruflich getrennte Wege eingeschlagen, sind aber immer in Kontakt geblieben. Ich versuchte es anfangs als Einzelblogger, doch es war schwierig die Frequenz aufrechtzuerhalten. So sind wir 2009 übereingekommen, dass wir es gemeinsam versuchen und dabei so viele andere Autoren ins Boot holen, wie nur möglich.

Sax: Wir hatten Brainstormings mit wundervollen Namen für unser Projekt. Ein anderer Name, der es ins Finale schaffte, war „Blog mi ned“, doch wir entschieden uns für „Zeit im Blog“, da uns der Konnex zu „Zeit im Bild“ gut gefiel.

Medienjournal: Wie sah die Umsetzung dieser Idee in die Praxis aus?

Lauth: Nachdem wir uns auf den Namen geeinigt und unsere fünf Ressorts definiert hatten, adaptierte ich das Layout für WordPress. Das war learning by doing und sehr spannend. WordPress, die gängigste Blogsoftware, mittlerweile ein vollwertiges CMS und Open Source erlaubt eine einfache Handhabung. Die Texte unserer Co-Autoren redigieren wir nicht im großen Stil, aber wir schauen, ob der Inhalt stimmig ist bzw. Tippfehler hat.

Sax: …und wir illustrieren die Beiträge. Wir suchen aus dem erlaubten Fundus Illustrationen bzw. Fotos aus, oder lassen diese von Illustratoren, die wir kennen, bebildern. Da ich in England lebe, haben wir mindestens eine Skype-Sitzung pro Woche.

Medienjournal: In eurer Hausordnung steht, ihr wollt „die Banalität“ bekämpfen“? Was ist damit genau gemeint?

Sax: Es ist eine Antwort auf den Celebrity-Wahn. Es gibt genug Medien, die sich mit Paris Hilton und Co. auseinandersetzen. Wir wollten etwas tun, das uns journalistisch erfüllt, das uns inspiriert und Anspruch hat.

Medienjournal: Wie wird ein Printjournalist zum Blogger?

Lauth: Irgendwann wurde mir klar, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Es ist kein Geheimnis, dass das Geschäftsmodell von Printmagazinen und Printprodukten generell unter Druck geraten ist. Eignet man sich als Journalist die neuen Arbeitstechniken nicht an, nimmt man auch die Chancen nicht wahr, die sich mit dem neuen Medium öffnen.

Medienjournal: Habt ihr ein Finanzierungsmodell?

Lauth: Derzeit gibt es keine ernsthafte Finanzierung. Bisher verwendeten wir Google Adsense, also klickbasierte Werbung. Damit verdienten wir im Monat ca. 10 Euro, eine Summe, die gerade die jährlichen Server- und Domainkosten abdeckte. Deshalb überlegten wir uns ein neues Beteiligungsmodell. Nun gibt es Anzeigenplätze, die ZIB21 und den Autoren unseres Portals gehören. Jeder Autor kriegt drei Flächen von uns zur Verfügung gestellt, die er nach Belieben nutzen kann.

Sax: Solange nicht eine Community entstanden ist, mit deren Größe man argumentieren kann, ist es zu früh, sich mit der Finanzierung auseinander zu setzen. Wir sind zwar sehr froh über alle interessierten Stammleser und den permanenten Zuwachs, doch wir stehen noch am Anfang unserer Arbeit und wollen mit den vorhandenen Mitteln eine noch größere Leserschaft erreichen. Erst dann sollte es für diverse Financiers so attraktiv werden, dass es auch für uns attraktiv ist.

Medienjournal: Wie wollt ihr an noch mehr Leser rankommen?

Lauth: Bis zur Bildung einer Community ist es ein harter Weg. Als Blogger und Journalist muss man die sozialen Netzwerke für sich nutzen. Ohne Facebook und Twitter hätten wir um ein Drittel oder die Hälfte weniger Zugriffe. Man muss die Leute dort abholen, wo sie sind. Auf Nachrichtenseiten verbringen sie wahrscheinlich nur kurze Zeit, doch auf Facebook den ganzen Tag.

Lauth und Sax

Medienjournal: Wie seid ihr zu eurem Autorenkollektiv gekommen?

Sax: Am Anfang waren es Freunde, Bekannte, Kollegen. Wir hatten schon beim Wiener viel Erfahrung mit der Betreuung von Jungjournalisten, deshalb können wir allen, die bei uns mitmachen wollen und noch nicht stilfest sind, einen gewissen handwerklichen Input anbieten.

Medienjournal: Sind viele Kollegen aus dem Printbereich unter euch?

Lauth: Der Versuch, klassische Journalistenkollegen zum Schreiben online zu bewegen erwies sich als schwierig. Es gibt noch große Berührungsängste. Ob das mit dem Feedbackkanal, unbezahlter Arbeit oder anderen Faktoren zusammenhängt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem.

Sax: Bloggen ist eine neue Art von Journalismus und damit haben Profis heute Schwierigkeiten. Die schnellere Art und die aktive Verlinkung sind ihnen nicht vertraut.

Medienjournal: Welchen Stellenwert hat das Feedback eurer Leser für euch?

Sax: Es ist sehr wichtig. Durch den Feedbackkanal entwickelt sich Eigendynamik. Ein Leser, der einen Diskussionsprozess mitgemacht hat, bleibt uns normalerweise treu. Er war aktiv mit dabei, anstatt nur passiv Zeitung gelesen zu haben. Durch den Diskurs lernen wir unser Publikum besser kennen. Als letzten Herbst die Aktion „Uni brennt“ anlief und wir auch ein paar Themen dazu brachten, kam es gigantisch an. Da merkten wir: unser Leser ist jung, kritisch, politisch und interessiert an einer Auseinandersetzung mit der Zeit und mit Österreich.

Medienjournal: Was sind die Vorzüge des Bloggens gegenüber Printmedien?

Lauth: Geschwindigkeit, Interaktion, Persönlichkeit des Autors fallen mir spontan ein.

Sax: Größere kreative Freiheit! Beim Bloggen kann ich multimedial agieren. Ich kann diverse Stichwörter in meinem Text mit youtube-Videos, Links, passenden Filmcuts, etc. verbinden. Es gibt Geschichten von mir, da kannst du durch einen ganzen Kosmos gehen. Es ist expansiv und lustvoller als auf Papier. Und vor allem kann einem niemand etwas dreinreden.

Medienjournal: Könnten Paid Content Modelle die Gratiskultur im Netz gefährden?

Lauth: Ich glaube nicht, dass die Gratiskultur abgeschafft werden wird, weil sie sich nicht abschaffen lässt. Meiner Meinung nach eignen sich paid content Modelle hauptsächlich für hochspezialisierte Angebote. Bei der Financial Times wird ein paid content Modell funktionieren, weil es dort die relevanten Informationen gibt, die nirgendwo anders abrufbar sind. Ein Kraut-und-Rüben-Nachrichtenportal, das APA-Texte ins Netz stellt, würde mit paid content untergehen.

Medienjournal: Printverlage werden oft kritisiert, dass sie das Webpotenzial nicht nutzen. Warum sind Verleger so zurückhaltend im Netz?

Sax: Dieser neue Markt ist dem Establishment immer noch relativ unbekannt. Die Leser-Eckdaten wie Alter, Geschlecht, Beruf fehlen und so lassen sich diese nicht in ein bestimmtes Marktsegment einbinden.

Link:

ZIB21.com


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1 Kommentar »

  1. Ein erstklassiger Artikel. Ich habe viel daraus gelernt und bedanke mich recht herzlich bei der Autorin. Mit besten Grüßen Mag. Ebrulf Badzura

    Kommentar by Ebrulf Badzura — Juli 7, 2010 @ 8:22 pm

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