
Der Verband Freier Radios Österreich (VFRÖ) ist die Interessensvertretung von insgesamt 13 Freien Radios in Österreich. Gemeinsam erreichen die Mitglieder an die vier Millionen ZuhörerInnen. Helmut Peissl, Verbandsvorsitzender des VFRÖ, sprach im Interview mit dem Neuen Österreichischen Medienjournal über die Grundsätze der Freien Radios, die Radiodigitalisierung und die Förderung der Medienvielfalt in Österreich.
Medienjournal: Seit mehr als 17 Jahren besteht der VFRÖ. Woher kam die Intention einen Verband für Freie Radios zu gründen?
Peissl: Der VFRÖ ist eigentlich um einiges älter als die ersten Freien Radios, die auf Sendung gegangen sind. Der Verband wurde in der Zeit der Piratenradios gegründet, aus welchen dann schließlich auch die ersten Freien Radios hervorgingen. 1993 wurde die IG Freies Radio gegründet, da war ein Privatradiogesetz oder ein Regional-Radiogesetz noch nicht greifbar. Es gab zwar einen Art Kuhhandel zwischen ORF, Zeitungsherausgebern und Politik, wo versucht wurde die Abschaffung des Rundfunkmonopols irgendwie unter sich „auszumauscheln“, eine wirklich breite Marktöffnung wollten sie ja nicht, die war aber nach dem Urteil der Europäischen Menschenrechtskonvention in Straßburg, aber auch in Österreich, nicht mehr zu verhindern. Wir ergriffen diese Chance von der Philosophie der Piratenradios zur formalen politischen Auseinandersetzung zu kommen, mit dem klaren Ziel die Anerkennung und Lizenzierung Freier Radios durchzusetzen. Ein Bedarf an lokalen und regionalen Radios war ja da.
Medienjournal: Wie ist der VFRÖ organisiert?
Peissl: Wir sind in einer relativ flachen Struktur organisiert. Der Vorstand nimmt seine Aufgaben wahr und ich bringe mich als Verbandsvorsitzender so gut wie möglich ein. Es gibt kein zentrales Büro. Meine Aufgaben gehen dabei stark in Richtung Koordination, Lobbying und Projektentwicklung. In den Jahren 2005/06 haben wir mit dem Verband gemeinsame Ausbildungsaktivitäten gestartet, die RTR hat das gefördert. Auf europäischer Ebene haben wir in den vergangenen vier, fünf Jahren mit dem Community Media Forum Europe viel bewegen können. Es geht uns da um die Zusammenarbeit mit nationalen Verbänden in anderen Ländern, sofern es diese gibt, oder Organisation die versuchen Innovationen in der Medienlandschaft hervorzurufen. Ziel ist es auch, auf europäischer Ebene die formale Anerkennung des nichtkommerziellen Rundfunksektors – der Community Medien – als eigenem dritten Rundfunksektor durchzusetzen.
Medienjournal: Die Freien Radios geben an, unabhängig, werbefrei und nicht-kommerziell zu sein. Wie finanzieren sich diese?
Peissl: Die Radios finanzieren sich unterschiedlich und vielfältig – und natürlich knapp. Der Großteil der Einnahmen besteht aus Subventionen und Förderungen, je nach Radio aber unterschiedliche. In Wien gibt es zum Beispiel eine Basisförderung für Radio Orange 94.0 und OKTO. Bei den kleineren Radios ist es meist schwieriger. radioYpsilon in Niederösterreich bekommt zum Beispiel kaum Mittel von der Stadt und versucht durch Kooperationen Geld hereinzubekommen. Heuer gibt es zum vierten Mal eine Förderung von Bundesseite. Zweieinhalb Jahre ist diese ohne gesetzliche Grundlage über das Kulturbudget gelaufen. Erst im letzten Jahr wurde eine gesetzliche Grundlage für eine Bundesförderung, die nun über die Rundfunk- und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR-GmbH) läuft, geschaffen. Das ist ein wichtiges Standbein in der Finanzierung der Freien Radios.
Ansonsten gibt es über die Unterstützungen von Ländern, Städten, Gemeinden, Kooperationspartner im Bildungs- und Kulturbereich alles mögliche. Ein wichtiger Bereich sind außerdem EU-Projekte. Zum Beispiel über das Citizneship-Programm oder Life-Long-Learning.
Wenn jedoch Projektförderungen zu einem Bestandteil der Basisförderung eines Freien Radios wird, dann wird das prekär, denn Projekte laufen aus. Es muss eine Grundstruktur geben.
Medienjournal: Freie Radios geben an werbefrei zu sein. Lehnen sie Werbung somit per se ab?
Peissl: Ja, Freie Radios sind werbefrei und lehnen Werbung ab. Einfach aus dem Grund, weil Werbung Medieninhalte immer beeinflussen. Wenn sich Radios aus Werbung (re)finanzieren, müssen sie sich immer daran orientieren was verkaufbar ist und wofür Leute bereit sind Werbeeinschaltungen zu platzieren. Das läuft 1:1 über die Währung des Tausendkontaktpreises (TKP). Man ist sofort im Quotendruck. Das zeigt der ORF momentan ganz gut. Eine Untersuchung ergab, dass ORF 1 teilweise weniger öffentlich-rechtliche Inhalte sendet als so mancher Privat-TV-Sender.
Medienjournal: Aber könnte spezifische Werbung nicht auch für HöhrerInnen interessant sein?
Peissl: Wir sagen nicht, dass es nirgends Werbung geben soll, das ist nicht unsere Position. Zur Finanzierung der Freien Radios ist Werbung widersprüchlich oder denkbar ungeeignet. In einigen anderen Ländern gibt es Konzepte die so funktionieren, doch diese Community Radios haben dann andere Ansprüche. Zum Beispiel ist Werbung für manche Ethno-Radios schon von Vorteil, aber wie gesagt, für uns funktioniert es nicht.
Wir möchten denen eine Stimme geben, die in anderen Radios nicht vorkommen, und mit dem „Druck“ der Werbeeinnahmen dahinter geht das nicht.
Medienjournal: Gibt es eine Be-Werbung zwischen den Freien Radios?
Peissl: Das macht für uns wenig Sinn, da die Radios inhaltlich wie technisch vor allem lokal verankert sind. Wir haben einen intensiven Programmaustausch, der funktioniert ganz gut über unsere Datenbank, das Cultural Broadcasting Archiev. Es gibt gemeinsame Projekte, die hauptsächlich vom Verband, aber auch von einigen anderen Radios, initiiert werden. Werbung für die Radios auf Bundesebene macht der Verband. Projekte, wie zum Beispiel die Radiodialoge, werden in Zusammenarbeit mit den Radios ausgeführt und unter ein gemeinsames Label gestellt, beworben wird aber wieder lokal, von jedem Radio einzeln. Radios sind stark angewiesen auf den lokalen Kontext. Natürlich senden wir auch online, aber es bleibt trotzdem die lokale Verankerung.
Medienjournal: Könnte sich der VFRÖ vorstellen, sich über die Freien Radios hinaus zu engagieren und sich generell für Freie Medien einzusetzen?
Peissl: Wir arbeiten eng mit dem nicht-kommerziellen Wiener Community-TV OKTO zusammen. Ein nächstes Community-TV-Projekt gibt es in Linz unter dem Titel „Dorf“ die ein ähnliches Projekt für den Großraum Linz machen wollen. Ein weiteres Projekt ist in Salzburg angedacht. Im Rundfunkbereich können wir uns auf jeden Fall ein gemeinsames Engagement vorstellen. Im Online-Bereich ist es schwieriger. Natürlich sind wir alle online aktiv. Unsere Programmdatenbank war die erste Online-Datenbank für Audiodaten, da hatte noch nicht einmal Ö1 eine solche. Mit den alternativen Zeitschriften gab es einmal einen vagen Austausch in Zeiten der Vereinigungen alternativer Zeitschriften (VAZ). Doch das hat sich dann ziemlich verlaufen. Dann hat sich ziemlich viel verändert. Der Online-Bereich wurde wichtiger, viel Neues ist entstanden. Es wurde aber auch schwieriger wo was zuordenbar ist.
Medienjournal: Die Digitalisierung des Fernsehens in Österreich ist so gut wie abgeschlossen, die Digitalisierung des Radios hat jedoch noch nicht einmal gestartet. Die Freien Radios sprechen sich sogar gegen die Digitalisierung aus. Worin sehen Sie das Problem in der Debatte?
Peissl: Wir alle arbeiten ja schon digital. Von der Ton-Verarbeitung im Studio bis zu unseren Online-Auftritten. Digitales Senden ist ja nur ein Aspekt der Digitalisierung. Es geht jetzt aber um die Frage wie digitale terrestrische Verbreitung mittels UKW funktionieren soll als mögliche Alternative zum analogen UKW. Bei der Diskussion dieser Frage ist wichtig zu bedenken daß Technologie in den seltensten Fällen sozial und strukturell neutral ist. In Europa haben wir es seit Mitte der 80er Jahre mit einer Digitalisierungsdiskussion zu tun. Von einem Europäischen Forschungskonsortium wurde das sogenannte Digital Audio Broadcasting (DAB) entwickelt, welches Programme großflächig und günstig und zu guter Qualität verbreiten soll – was meiner Meinung nach auch gut ist. Nur hat man nie daran gedacht, dass es auch lokale Radios geben soll – und die fallen da durch. Die Digitalisierung im Fernsehen basiert auf Multiplexern. Dort werden alle Programmpakete zusammengefasst und dann auf einem Kanal digital ausgestrahlt. Für ein kleines Radio einen Mulitplex zu betreiben ist nicht lukrativ, da auf einem Kanal, auf dem normalerweise acht bis 12 Programme gleichzeitig übertragen werden könnten, dann nur ein Programm ausgestrahlt wird. Die Kosten für den kleinen Sender wären viel zu hoch, denn die versprochene Kostenreduktion trifft nur bei Vollbelegung ein.
Die Ultrakurzwelle (UKW), obwohl sie eine alte Technologie ist, ist für uns nach wie vor die einfachste, billigste und verlässlichste Technologie und optimal für Freie Radios angepasst.
Medienjournal: Gehen Sie davon aus, dass bei der Digitalisierung die Freien Radios sterben?
Peissl: Es gibt etwas zwanghaftes in dieser Debatte. Man argumentiert daß Energie eingespart wird, da man weniger Senderleistung braucht, das finde ich alles gut. Nur muss ich auch überlegen, welche Struktur und Vielfalt ich in der Medienlandschaft widerspiegeln will. Und wird etwas digital nur weil’s halt digital werden muss, oder habe ich wirklich sachliche Argumente dafür, wie Sender und HörerInnen davon profitieren? Für großflächige Programme ist DAB ok, für unseren Bereich ist die Multiplex-Technologie unpassend.
Medienjournal: Gibt es Lösungsvorschläge seitens des VFRÖ?
Peissl: Wenn schon digitalisiert wird, dann muss auf Techniken zurückgegriffen werden, die einen Parallel-Betrieb (analog/digital) ermöglichen. In den USA gibt es zum Beispiel die Methode des In Band On Channel (IBOC). Diese erlaubt den Sendern auf ihrer Frequenz analog und digital auszustrahlen. Das Prinzip ist auch für uns interessant, aber für Österreich passt die in den USA verwendete Plattform HD-Radio, aufgrund der Planungsstruktur, nicht. Die Radios würden sich gegenseitig stören. Es gibt dann aber noch die Plattform Digital Radio Mondial (DRM+). Eine Digitalisierungstechnolgie die im Kurzwellenbereich anfing und jetzt auch für die Verwendung auf UKW ausgeweitet wird..Diese Übertragungsmethode macht für die Freien Radios Sinn. Und es hätte keinen Dritten im Spiel, wie einen Gatekeeper, der auswählt, ob ich in einem Multiplex drin bin oder nicht.
Für uns ist es kein Entweder-oder, sondern es muss im Falle der Digitalisierung des Hörfunks eine Lösung geben, die auch für die kleinen, lokalen Radios sinnvoll ist.
Medienjournal: Es gibt nun Änderungen im KommAustria-Gesetz (KOG) und im Privatradiogesetz (PrR-G). Welche Punkte finden hierbei besondere Kritik seitens des VFRÖ?
Peissl: Generell wollen wir eine klare rechtliche Verankerung im KommAustria und Privat-Radio-Gesetz. Seit der Änderung des KommAustria Gesetzes im Mai 2009 gibt es einen guten Ansatz. Für den Fonds zur Förderung des nichtkommerziellen Rundfunks wurde definiert, was ein Freies Radio bzw. Community TV ist – nämlich werbefrei, zugangsoffen, nicht-kommerziell. Diese drei Kriterien sind festgehalten und sollen nun konsequent auch in anderen Gesetzestexten so erscheinen.
Weiters gibt es eine Hürde im Privatradio-Gesetz. Man kann nämlich in einem Gebiet unter 50.000 Einwohnern keine Lizenz bekommen. Nur eine Ausbildungslizenz die dann aber nur auf ein Jahr befristet ist. Wir haben einige Fälle in ländlichen Gebieten, wo es Interesse gibt, ein Freies Radio zu betreiben. Wir fordern, dass das Gesetz in dieser Frage geändert wird. Im nichtkommerziellen Bereich macht diese Quote keine Sinn, im kommerziellen schon. Da wurde sie eingeführt um Märkte zu schützen, damit die kommerzielle Radiolandschaft nicht zersplittert. Mit 10.000 HörerInnen kann sich niemand über Werbung finanzieren. Für nichtkommerzielle Radios ist das ganz anders – ein Freies Radio zu betreiben muss möglich sein, wenn es den lokalen Bedarf von Gruppen, Vereinen und engagierten Einzelpersonen gibt
Darüber hinaus wollen wir eine massive Ausweitung des Förderfonds, der momentan eine Million für Fernsehen und Radio vorsieht. Wir fordern acht Millionen - fünf für Radio und drei für Fernsehen.
Medienjournal: Wie kann Ihrer Meinung nach lokale Medienvielfalt gefördert werden?
Peissl: Die beste Form lokale Medienvielfalt zu fördern ist nun mal die, lokale zugangsoffene Radioprojekte zu ermöglichen. Mit bezahlten JournalistInnen Lokaljournalismus zu betreiben ist heute fast unmöglich. Wenn man will, das etwas authentisches entsteht, dann ist es wichtig Freie Medien zu ermöglichen und zu unterstützen.
Es gibt im Lokalen kein Copy and Paste. Die BBC zum Beispiel macht deshalb auch Kooperationen mit lokalen Community Radios . Die kommerziellen Betreiber haben sich aus dem lokalen Feld klar zurückgezogen. Im Online-Bereich passiert viel, aber ich halte das sogenannte Web 2.0 nicht für die goldene Lösung die um die Demokratisierung in allen Bereichen voranzutreiben. Sie lösen zumindest nicht die Frage der lokalen Demokratie bei der es immer auch um die unmittelbare Face to Face Kommunikation geht.
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1 Kommentar »
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Sehr aufschlussreich, informativ und demnach sehr lesenswert dieses Medienjournal.
Allerdings wäre es ganz gut, die Rechtschreibung zu beherrschen und Hörer/innen nicht als “Höhrerinnen” umzumodeln.Ich bin kein Lehrer oder Oberlehrer, aber gestört hat es mich dennoch.
Kommentar by Hofbauer — März 9, 2010 @ 7:04 pm